Festrede der Verleihung 2008

Festrede von Prof. Dr. Wendelin Schmidt-Dengler bei der Verleihung 2008

Der Literatur- und Sprachwissenschaftler Wendelin Schmidt-Dengler wurde im Laufe seiner über 40-jährigen Karriere mehrmals ausgezeichnet, unter anderem mit dem Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik (1994). Als Jungwissenschafter war Schmidt-Dengler der Theodor-Körner-Preisträger im sogenannten Schicksaljahr, dem Jahr 1968. Lesen Sie hier seine Rede anlässlich der Verleihung des Körner-Preises am 24. April 2008.

1968 und die Folgen

Es ist schwer, der ehrenvollen Aufgabe, die mir als Festredner für diese Veranstaltung zuteil geworden ist, gerecht zu werden. Offenkundig spielte dabei auch die Tatsache eine Rolle, dass ich diesen Preis im Jahre 1968 erhielt, so als ob es mit den Jahrgängen von Preisträgern so etwas auf sich hätte wie beim Wein. Vierzig Jahre sind es her, und mir fröstelt etwas beim Gedanken an die Flucht der Jahre. Es ist also heuer wieder so ein Bedenkjahr, und dem Jahr 1938 ist diese Auszeichnung ja schon mehrmals zuteil geworden, auch des Jahres 1968 wurde schon mehrfach gedacht, aber heuer ist es erst so richtig in die Jahre gekommen, in die Jahre gekommen wie auch jene, die damals dabei waren. Es ist so richtig fernsehreif geworden für die Talk-Shows, und die Damen und vor allem die sehr gesprächigen Herren, die auspacken, sprechen darüber nicht selten so, als hätten sie da Kämpfen in einer mythischen Vorzeit teilgenommen. Die meisten von ihnen haben die Haare verloren und Embonpoint gewonnen, und so halten sich Gewinn und Verlust die Waage.

Große Erneuerung

Es kursieren über dieses Jahr denn auch die unterschiedlichsten Auffassungen; mit 1968 war es nix, sagen die einen, 1968 – das war die große Erneuerung sagen die anderen. Die Wahrheit liegt, wie eben meistens, auch hier nicht in der Mitte, sondern die Wahrheit kann nur durch eine sorgfältige Besinnung und durch ein gerüttelt Maß an handfester Historikerarbeit ermittelt werden. Das kann ich hier freilich nicht leisten, aber ich kann doch ein paar Erinnerungen und Beobachtungen zusammentragen, die vielleicht ein paar Fluchtpunkte liefern, um dem Problem 1968 aus unserer Sicht eine Perspektive zu geben. Ich glaube, dass 1968 und das Umfeld doch von großer Bedeutung waren, und die geradezu allergische Reaktion mancher, deren Stimmen jetzt in der Bildungsdiskussion vernehmbar werden und die 1968 verfluchen oder sich darüber lustig machen, ist für mich der beste Beweis dafür, dass die Chiffre 1968 doch eine Signalwirkung hatte, mit der eindeutig viele historische, politische, soziale und auch ästhetische Komplexe zu benennen sind. In diesem Sinne kann 1968 als die wichtigste Zäsur in der westlichen Welt vor dem Fall der Berliner Mauer gelten. Freilich, die 68er haben keinen guten Ruf heute, vor allem dann, wenn sie sich als Heroen gerieren wollen. Das wirkt auf die Jugend heute doch ein wenig, ja nicht nur ein wenig komisch.

Mein Fach, die Literaturwissenschaft

Ich kann hier nur aus eigenen Erfahrungen sprechen, und ich bin kein Historiker. Aber ich muss mit diesen Erfahrungen umgehen können und muss mir selbst Rechenschaft darüber geben, ob ich aus den um 1968 in Gang gesetzten Prozessen einige Einsichten gewinnen konnte. Ich kann nicht über so medienwirksam vorgebrachte Thesen wie die der Zusammengehörigkeit von Nationalsozialismus und Achtundsechzigern diskutieren, obwohl mir diese These trotz einiger zutreffender Punkte doch sehr fragwürdig scheint. Auf jeden Fall kann das Jahr 1968 nicht nur unter diesem Aspekt gelesen werden. Ich kann auch nicht die gesellschaftlichen Konsequenzen analysieren, aber ich möchte doch ein paar Punkte hervorheben, die mir nicht unwichtig scheinen, wobei ich um Verständnis dafür bitte, dass ich doch hier von meinem Fach, der Literaturwissenschaft, spreche und mich vorzugsweise auf die österreichische Variante dieses Jahres beschränke. Es ging hier in Österreich auch um eine provokante Ästhetisierung der Revolution, und eine neue Literatur erlebte so ihren gefeierten Ursprung, von Peter Handke und Thomas Bernhard über Elfriede Jelinek bis zu Ernst Jandl und der Wiener Gruppe. Von dem berühmten Hörsaalhappening im Juni 1968 wird heute noch so erzählt, als würde es sich um die Schlacht von Marathon handeln.

Akademischer Boden als Schaubühne

Und auch in diesem Saal, dem Großen Festsaal der Universität Wien,  gab es einen Eklat, als 1968 die Inauguration des Rektors stattfand. Von der einen Seite zog der akademische Senat mit seinen Talaren ein, auf der anderen die Theatertruppe der Komödianten, auch in Talaren, und beide Festzüge bewegten sich zum Rednerpult. Die Komödianten warfen mit Confetti um sich, und der Rektor konnte seine Inaugurationsrede kaum zu Ende bringen. Der akademische Boden wurde zur Schaubühne und zu einer Art unmoralischen Anstalt. Dass ein vor nicht allzu langer Zeit verstorbener Journalist, der sich zum Wortsprecher dieser Jugend gemacht hatte, später einmal von Bundeskanzler Kreisky als Wurschtel apostrophiert wurde, hat schon seine tiefere kulturhistorische Richtigkeit.

Aber man darf – selbst in Österreich nicht – das Jahr 1968 auf den Ulk, den viele mit der Revolte treiben wollten, reduzieren. Dass Änderungen im sozialpolitischen Bereich angesagt waren, dass für die Bildungspolitik neue Prämissen geschaffen werden mussten, dass der Diskurs Sexualität offener und konsequenter geführt werden konnte, dass Gleichberechtigung zwar nicht im nötigen Ausmaß durchgeführt, aber doch endlich ernst genommen wurde, dass der Reformbedarf vor allem an den Universitäten angemeldet wurde – all das hängt mit eben diesem Jahr zusammen und darf nicht so einfach ad acta gelegt werden. Ich betone, dass vieles von dem hier auf meiner subjektiven Wahrnehmung beruht, auf einer Wahrnehmung über die vierzig Jahre. Wir Assistenten wurden damals von den besorgten Professoren zu den abendlichen Sit-Ins geschickt, womit – ungewollter Nebeneffekt, wenn man die Absichten der Arbeitgeber in Rechnung stellt – für viele von uns so etwas wie eine Umerziehung stattfand. Vor allem wurden über eine neue Struktur der Universität diskutiert, im Mittelpunkt stand der Begriff der Mitbestimmung, und sie wurde dann in dem UOG 1975 ja auch festgeschrieben und hielt in dieser Form trotz der bereits gravierenden Änderungen des UOG 1993 bis zum UG 2002. Es wurden sicher viele Diskussionen geführt, die für die Katz' waren, es wurden durch dieses Gesetz auch viele gremiale Arbeiten von uns gefordert, es wurde auch viel blockiert, und manche Gruppierungen am linken Flügel haben uns das Leben schwer gemacht, die dann auch lächerlich wirkten, weil sie alles, vor allem aber sich selbst unerhört ernst nahmen. Es sei aber festgehalten, dass mit diesem Gesetz doch im Vergleich zu den meisten anderen Ländern Europas ein hoher Standard an Mitbestimmung festgeschrieben war, die Universität also nach einem Gesetz verwaltet wurde, das vielleicht zu gut für die menschlichen Schwächen jener war, mit denen nun alle ausgestattet sind, die an der in der gelehrten Welt ihrem Broterwerb nachgehen. Hier sind von den Diskussionen des Jahres 1968 Impulse ausgegangen, und in diesem Sinne ist es gerade für Sie, für die junge Forschergeneration, für die junge Generation der Lehrenden, wichtig, sich auf  die Konstellationen um 1968 zu besinnen. Ich will keine unbedachte Rückkehr zu diesem Gesetz, ich will auch nicht das Vergangene loben, ich möchte mir nur erlauben, auf diesen Versuch, die Universitäten, diesen höchst sensiblen Raum, mit einer demokratischen Struktur auszustatten.

"Rückbau" demokratischer Einrichtungen

Die Fortschritte im ästhetischen Bereich, und ich spreche hier vor allem von der Literatur, sind schwer rückgängig zu machen. Ein Künstler, eine Künstlerin darf nicht hinter einmal erreichte Standards zurückfallen. In der Verwaltung ist das anders. Die Regierung, die im Jahre 2000 ihr Amt angetreten hat, sprach vom notwendigen "Rückbau" eben dieser demokratischen Einrichtungen; man setze, wie es in einem Statement des Rektors der Universität Wien hieß, nicht auf die Gremialorgane, sondern auf Qualitätssicherung – so als ob es sich dabei um Gegensätze handelte. Die Folge ist nun die Ausschaltung aller jener Organe, die auch die Basis befragen. Entscheidungen werden – so die elegante Ausdrucksweise – "heruntergebrochen". Das pyramidale Modell, an dem der Rektor ganz oben steht, ist den Universitäten allenthalben verordnet worden. Ausgeschaltet sind die Institutskonferenzen und Versammlungen, die Fakultäten, auch der Senat; sie dienen dazu, Vorgeschlagenes durch Abnicken zu bestätigen. Gewiss fallen dadurch einige langwierige Entscheidungsprozesse weg, das aber nur, weil ohnehin schon entschieden ist. Vor zwei Wochen fand im Parlament eine Enquete statt, um eine Novellierung vorzubereiten. Ein Jubelredner aus dem Ausland war bestellt worden. Der zuständige Minister hatte kurz nach Eröffnung das Parlament verlassen. Die Kritiker wurden kaum gehört, die meisten der Gäste waren zufrieden mit dem, was das Gesetz uns befahl oder befiehlt. Man befand sich im schönsten Einverständnis. Dass es sich allenfalls um kleine Korrekturen handeln könnte – darauf hatten sich die meisten festgelegt, dabei wurden von verschiedenen Gruppierungen sehr konkrete und auch durchführbare Vorschläge zur Verbesserung des Gesetzes vorgebracht.

Ich will nun nicht von dem Jahr 1968 träumen, aber doch festhalten, was an der Bewegung dieser Zeit von Bedeutung ist oder sein könnte, im Guten wie im Schlechten, denn auch aus den Fehlern soll man lernen.

Dass eine demokratische Struktur gerade einer Universität ansteht, sollte eine Maxime sein, die bis unsere Tage hinein Gültigkeit beanspruchen sollte. Demokratische Verfahren können gerade an einer Universität erprobt werden. Für Demokratie braucht man Zeit; dass manchmal sehr viel unnötiges Zeug dahergeredet wurde, sei nicht geleugnet. Aber auch das hätte in einem Lernprozess verändert werden müssen. Die Alternative darf doch nicht sein, dass einer oder die Angehörigen der Nomenklatura reden und die anderen zuhören.

Das Jahr 1968 hat uns noch etwas gelehrt: Es hat uns gelehrt, uns stets auf die theoretischen Grundlagen unseres Tuns zu besinnen. Gab es damals einen Theorieüberhang, so gibt es heute ein Theoriedefizit. Adorno hat auf diesem Freiraum der Theorie insistiert und gemeint, dass es auch Phasen geben müsse, in denen die Praxis im toten Winkel erscheinen solle. Die Reformen sind in wissenschaftstheoretischer Hinsicht Substandard. Der Bolognaprozess wurde von so gut wie keinen Reflexionen begleitet, die den Status von Argumenten beanspruchen kön-nen. Statt dessen wird mit einem Imponiervokabular (Elite, Qualitätssicherung, ständige Evaluation, Universitäten im Wettbewerb) die Nähe zur Werbesprache angestrebt. Auf die Frage, wer denn die Eliten seien, entdeckt man, dass damit diejenigen gemeint sind, die sich selbst als solche definieren.

Was wir noch von 1968 gelernt haben: Wir müssen stets die Grundlagen unseres Tuns befragen, wir müssen uns auch selbst in Frage stellen können. Ich beziehe mich besonders auf die Geisteswissenschaften, denen die radikale Kritik in den Jahren um 1968 gut getan hat. Die Grundlagen unserer Handlungen wurden überprüft, vor allem mit Blick auf die Gesellschaft und auf die gesellschaftliche Verantwortung. Die politische Dimension einer Disziplin ist nicht ihre einzige, und das wäre auch zermürbend, wenn alles und jedes ständig vor das Tribunal der Sozialgeschichte gezerrt würde. Aber auch die sublimsten ästhetischen Produkte sind auf ihre gesellschaftliche Substanz zu befragen, und der ästhetische Gehalt eines Kunstwerks stützt den politischen Gehalt – und umgekehrt.

Dass es sich – trotz der vielen romantischen Elemente – um eine aufklärerische Bewegung handelte, steht für mich außer Zweifel, bei aller Problematik, die mit dem Begriff der Aufklärung verbunden ist. Aufklärung in Österreich – das ist auch ein Kapitel für sich. In Herzmanovskys Roman "Der Gaulschreck im Rosennetz" lobt ein Elternpaar die Tochter; sie sei halt so anständig: Man habe sie aufgeklärt – und jetzt glaube sie schon wieder an den Storch. Manchmal habe ich den Eindruck, dass damit beispielhaft das Verhältnis der Österreicher zur Aufklärung zum Ausdruck käme. Und wohl nicht nur der Österreicher.