Festrede der Verleihung 2009

Festrede von Dr. Karin Berger bei der Verleihung 2009

Sehr geehrte Festgäste! Liebe Preisträgerinnen und Preisträger!

Es freut mich, dass ich - als frühere Preisträgerin des Theodor Körner Preises - hier zu Ihnen sprechen kann und ich bedanke mich herzlich für die Einladung.

Als ich 1991 den Theodor-Körner-Preis erhielt, kam er mir sehr gelegen. Ich war gerade Mutter einer Tochter geworden und hatte bis dahin als Regisseurin und Forscherin freiberuflich an Projekten gearbeitet. Das waren Arbeiten, die sehr schön, erfüllend und intensiv, aber wenig lukrativ gewesen waren. Mit meiner veränderten familiären Lage stand ich nun vor der Situation, weniger Zeit in meine Arbeit investieren zu können, gleichzeitig aber mehr Geld zum Leben zu benötigen. Dieses Problem hat sich zwar durch den Preis nicht gänzlich gelöst, aber er hat mir - neben der Ehre und der Freude, die er mir bereitet hat - ermöglicht, an einem neuen wissenschaftlichen Projekt über das Bild der Roma und Sinti im Spielfilm zu arbeiten. Dieses Projekt führte in der Folge zu weiteren Arbeiten wie zu einem Kinodokumentarfilm über die Geschichte der österreichischen Romní Ceija Stojka.

Ich bin also Regisseurin und Wissenschafterin und bin mit beiden Bereichen - der Kunst und der Wissenschaft, die hier mit Preisen bedacht werden - sehr gut vertraut. Und ich weiß: Für beides sind sehr viel kreative Energie und ein langer Atem vonnöten.
Da ich hier nun Preisträgerinnen und Preisträgern gegenüberstehe, die vorhaben, in diesen Bereichen tätig zu sein, möchte ich mir über einen Zustand Gedanken machen, der mich, seit ich an Projekten arbeite, immer begleitet. Dieser Zustand lässt sich in einem Satz zusammen fassen, er heißt: Ich habe immer zu wenig Zeit. Das ist nicht nur mein individuelles Problem - den meisten meiner Kolleginnen und Kollegen geht es ebenso.
Wieder ist man mit einem Text noch nicht so weit wie man gerne wäre, wieder braucht man doppelt so lang für die Korrektur eines Manuskriptes als gedacht, wieder ist eine Formulierung noch nicht die beste. Bis ein Film oder ein Text wirklich passen, bis sie so sind, wie man sie haben möchte, sind unzählige Stunden, die nie bezahlt werden, hineingeflossen. Das ist der Preis dafür, eine Arbeit zu machen, die einen sehr interessiert. Aber Zeit ist - wie wir wissen - auch Geld.
Die Frage, die sich mir nun stellt, ist: Warum ist das so? Warum passen die vorhandenen 24 Stunden pro Tag so selten mit dem Pensum überein, das wir erledigen möchten? Warum schätzen viele fördernde Stellen und oft auch wir selbst den Zeitaufwand für unsere Arbeiten als zu gering ein? Denn dadurch entsteht immer großer Druck, der den Genuss an der Arbeit phasenweise verringert.

Wir können uns als intellektuell Arbeitende natürlich nicht aus der allgemeinen Zeitbeschleunigung herausnehmen. Alles muss immer schneller gehen. In großen Städten wird immer schneller gegessen, schneller gesprochen, schneller gegangen. Sogar klassische Musikstücke werden heute rascher gespielt. Waren es bei Beethoven für die "Eroica" noch 60 Minuten, so beschleunigte Bernstein auf 49 und Michael Gielen 1987 auf 43 Minuten....In großen Städten schauen Leute öfter auf die Uhr und die Erkrankungen der Herzkranzgefässe sind angestiegen. Frauen haben mittlerweile ein ebenso großes Herzinfarktrisiko wie Männer. Manche Ärzte vergleichen den auf der Beschleunigung des Lebens beruhenden Stress mit einer Geigensaite: Sie reisse bei zu viel Spannung, sagen sie und bei zu wenig Spannung klinge sie verstimmt. Das würde bedeuten: die richtige, passende Schwingung muss erhalten bleiben.

Ein anderer Grund für unsere falschen Einschätzungen ist, dass wir glauben, die neuen Technologien würden uns Zeit sparen. Ich kenne aber niemanden, der weniger arbeitet seit es Computer gibt, allerdings arbeiten viele Kolleginnen und Kollegen mit erhöhter Intensität.
Ein gutes Beispiel dafür ist der Schnitt eines Filmes, der sehr stark von den neuen Technologien beeinflusst wird. Früher saßen Cutterin und Regisseurin mit Filmrollen am Schneidetisch, heute sitzen sie vor zwei bis drei Monitoren und einer Tastatur. Das Material ist im Computer verschwunden und wird nicht mehr in die Hände genommen. Millionen Möglichkeiten für Schnitte sind schnell abrufbar, das ist natürlich faszinierend und verführt dazu, möglichst viele davon auszuprobieren. Das Gehirn ist ständig hoch aktiv, die Möglichkeiten der Maschine treiben sozusagen den Verstand vor sich her. Früher spulte man die Filmrolle zur gesuchten Stelle, schnitt den Film durch, nahm die nächste Rolle, spulte wieder, schnitt wieder, und dann wurde zusammengeklebt. Das war keine sehr aufregende Tätigkeit. Aber in dieser Zeit konnte man ein wenig die letzten Neuigkeiten austauschen, oder man konnte weitere Ideen und Entwürfe für den Schnitt diskutieren, oder man hing seinen Gedanken nach. Auch so wurden Filme fertig, und so entstanden alle großen Kunstwerke der Filmgeschichte vor dem digitalen Schnitt.
Erstaunlicherweise werden heute - trotz der neuen Technologien - die meisten Filme nicht schneller fertig als früher. Was deutlich macht: Intellektuelle und kreative Arbeiten brauchen ihre Zeit, der Prozess des Klärens und Verdichtens geht nicht von einem Tag zum anderen. Die Zeiträume und damit die Denkräume, die wir zur Verfügung haben, sind eine Voraussetzung, um ein Thema durchdringen zu können.

Außerdem brauchen Erkenntnis suchende Arbeitsprozesse Pausen. Geschriebenes und Geschnittenes muss abliegen! Diese Pausen müssen aber im Gesamtrahmen eines Projektes möglich sein.
Vor kurzem las ich in einer ethnologischen Studie aus den USA mit dem Titel Time and Order in Metropolitan Vienna: A Seizure of Schedules aus dem Jahr 1992 über das Verhältnis der Wiener Bevölkerung zu Pausen:
"Mealtimes are convenient labels for naming times of the day. The five traditional names for meals in Vienna, Frühstück, Gabelfrühstück, Mittagessen, Jause, and Nachtmahl, also refer to those segments of the day that begin with that meal. When people greet each other during the midday period, they say "Mahlzeit" instead of "GutenTag" or "Grüss Gott." While this literally means mealtime, it has the same connotation as Guten Appetit. ...
The practice of eating five meals a day probably developed in Vienna during the nineteenth century. Pezzl provides the earliest evidence for the mid-morning Gabelfrühstück, the fork-breakfast, in 1792. He describes people who work in the central district leaving their offices to get in the Kaffeehäuser and Beiseln (pubs) around 9:30 a.m." Ich meine, so eine Einteilung hat mit Kultur zu tun!
Anstatt mehr Pausen zu machen, greift gegenwärtig aber immer stärker die Tendenz um sich, Dinge möglichst gleichzeitig zu tun: Telefonieren während des Mail-Aussortierens, Nachrichten-Schauen beim Trainieren mit dem Hometrainer, essen beim Gehen. In den USA gehört mittlerweile der auf den morgendlichen Highways frühstückende Autofahrer - der "Dine and Driver" - zum gewohnten Bild. Zwar kommen - wie man weiß - die besten Ideen oft nicht indem man am Schreibtisch sitzend darüber grübelt, sondern beim Joggen, Duschen oder Kochen, aber in den Phasen der Umsetzung, den Phasen des Denkens in Zusammenhängen, ist hohe Konzentration erforderlich. Und da ist mit Gleichzeitigkeit nicht viel zu machen.

Andere Ursachen für die unrealistische Zeiteinschätzung vermute ich allerdings auch in eigenen psychischen Strukturen: Da wäre zum Beispiel die Omnipotenz. Nach Wikipedia ist das die hypothetische Fähigkeit, jedes Geschehnis hervorrufen oder beeinflussen zu können, mitunter auch jenseits naturwissenschaftlicher Gesetze. D. h. man glaubt, man könne das Mass, das bestimmte Arbeiten erfordern, durch die eigene Genialität verkürzen, auch wenn das jeder durchdachten Überlegung widerspricht.

Und weitere Ursachen liegen in der spezifischen Qualität unserer Arbeit an sich, einer Qualität, die wir lieben und die der Grund dafür ist, warum wir sie überhaupt machen: Unsere Arbeit ist auf Intuition, Assoziation und Erkenntnisfähigkeit angewiesen! Die erhellenden Momente der Erkenntnis sind aber nicht jederzeit abrufbar! Manchmal stecken wir, manchmal suchen wir und manchmal denken wir im Kreis! Das kann mitunter lange dauern! Wie lange, wissen wir erst danach.
Und was noch für die falsche Einschätzung von außen wesentlich ist: Je besser ein wissenschaftlicher Text formuliert und ein Film erzählt ist, je eleganter wir schreiben und je leichter unsere künstlerischen Werke daherkommen, umso mehr tritt die investierte Mühe in den Hintergrund. Oft auch für uns selbst.

Die falschen Einschätzungen mit all ihren Gründen sind, glaube ich, Teil eines Teufelskreises. Zeit ist Geld, heißt es, und in gewisser Weise stimmt das ja auch. Aber je schneller wir arbeiten, je mehr wir uns unter Druck setzen, desto weniger wird im Verhältnis bezahlt. Ich nehme an, es gibt keine Kalkulation, in der realistische Schnittzeiten für Dokumentarfilme stehen.

Aber Zeit ist natürlich nicht nur Geld, Zeit ist auch Leben. Geld kann man sparen, Zeit aber nicht. Der Begriff "zeitsparend" ist meiner Meinung nach ein Humbug. To humbug somebody heißt im englischen: jemanden beschwindeln, betrügen. Das gebe ich zu bedenken. Zeit kann man nicht sparen, auch nicht mit sogenannten zeitsparenden Geräten! Denn: Wie soll das gehen? Wohin kommt die gesparte Zeit? Wo holen wir sie ab? Können wir sie hinten an unser Leben anstückeln? Ich würde eher sagen: Zeit ist Leben. Denn Zeit vergeht und sie ist unwiederbringlich!
Daher möchte ich raten: Essen Sie hin und wieder in Ruhe ein forkbreakfast oder ein Jause und verlassen Sie hin und wieder Ihren Computer to get in the Kaffeehäuser and Beisln!

Ich denke, der Theodor Körner Preis hat immer Vorhaben gefördert, die sich der sozialen Verantwortung der Inhalte von Kunst und Wissenschaft stellen, die Freiräume offen- und Denkräume zulassen und damit die Freude am Forschen und an der Kreativität ermöglichen. Trotzdem finde ich, braucht es von allen Föderstellen noch mehr Geld für kluge, querdenkende, nicht dem mainstream angepasste, wissenschaftliche und künstlerische Projekte! Unsere Denkräume dürfen nicht verloren gehen!
Und, was ich noch sagen wollte: Bis 1919 wurde in Österreich von Arbeiterinnen und Arbeitern der Achtstundentag erkämpft. Vergessen wir das nicht!

Liebe Preisträgerinnen und Preisträger: Ich wünsche Ihnen schöne Karrieren, ich wünsche Ihnen viel Zeit zum Denken und zum Nach-Denken! Mögen die Preise Sie dabei unterstützen! Ich wünsche Ihnen alles Gute!