Festrede der Verleihung 2010

Festrede von Hubert Christian Ehalt bei der Verleihung 2010

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
Magnifizenz,
Herr Präsident,
sehr geehrte Preisträgerinnen und Preisträger,
Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich bin bei der Stadt Wien für die Förderung von Wissenschaft und Forschung verantwortlich und kenne als Lehrender an der Universität Wien daher auch - wenn ich es mit der Metapher einer Bergtour sagen darf - die Mühen der Ebene, Schutzhütten und Gipfel der Wissenschaft aus eigener Erfahrung.

Wissenschaft, Forschung und Lehre sind mit einem einfachen Wort gesagt, eine schöne Arbeit: Forschung, d.h. Erkundung und Erkenntnis des Neuen, was die Menschen vorher nicht wussten, Recherche, neue Versuchsanordnungen, neue Forschungswege, bei denen sich am Horizont auch neue, für Bürgerinnen und Bürger wichtige und interessante Erkenntnisse abzeichnen.

Wenn man die Möglichkeit hat, in der Forschung zu arbeiten, dann findet man sich in einer sehr privilegierten Arbeitssituation. Man hat nicht mit „mehr desselben", wie das der aus Österreich stammende Konstruktivist Paul Watzlawick gesagt hat, sondern mit dem Neuen zu tun. Jeder der Arbeitsschritte in der Wissenschaft, die sie mittlerweile, liebe Kolleginnen und Kollegen aus eigener Erfahrung sehr gut kennen, ist erfreulich, hat seine eigenen Reize.

In der ersten Stufe eines Projektes sitzt man mit Kolleginnen und Kollegen, mit denen man in einem guten Gespräch ist, mit seinem Mentor, seiner Mentorin zusammen, oder man hat an einem Frühlingstag Papiere auf einem Tisch im Freien ausgebreitet, und man macht das, was man Brainstorming nennt, ein erstes Konzept, eine erste Struktur, eine Gliederung der Arbeitsschritte. Das ist die unbeschwerteste Phase.

Dann kommt die Phase, wo man ein Projekt einreichungsreif macht, es beim FWF oder bei einer anderen forschungsfördernden Institution einreicht.

Wenn die Genehmigung erreicht ist, gibt es den ersten Grund für ein Glas Prosecco.

Dann beginnt der überall in der Forschung wirksame Zeit-, Termin- und Budgetdruck. Die Budgetmittel sind sehr knapp bemessen, die Zeit ist sehr knapp bemessen, und man sieht, wenn man sich den eigenen Antrag jetzt noch einmal durchliest, dass man vielleicht etwas zu viel versprochen hat.

Nun beginnt die Arbeit, und es beginnen die Mühen der Ebene. Vom amerikanischen Erfinder Thomas Alva Edison gibt es das berühmte Diktum „Genie ist zu 10% Inspiration und zu 90% Transpiration".

Es beginnt jetzt die Phase des unter Zeitdruck und Schweiß Arbeitens. Wenn dann die Zeit, die man für das Projekt eingereicht hatte, langsam abläuft, verdichtet sich der Stress für die Abschlussberichterstellung.

Wenn die Ergebnisse spannend werden, gibt es die Möglichkeit für Naturwissenschafter, in einem Top-Journal zu publizieren. Man reicht die Arbeit ein und ist glücklich, wenn sie für die Veröffentlichung angenommen wird.

In den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften ist die Königsdisziplin der Publikation immer noch das Buch, die Monographie. Unbeschreiblich ist das Hochgefühl, wenn man zum ersten Mal den Fahnenausdruck eines Artikels oder Buches in Händen hält. Niemand, der nicht in der Wissenschaft tätig war oder ist, kann dieses Glücksgefühl nachvollziehen.

Wie in anderen Lebensbereichen gibt es auch in Wissenschaft und Forschung Alltag und Fest. Alltag ist die Zeit, in der man arbeitet. Für erfolgreiche Wissenschafterinnen und Wissenschafter heißt das häufig „rund um die Uhr" arbeiten. Fest findet zu dem Zeitpunkt statt, wo man fertig gestellt hat. Und natürlich ist Fest das, was Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, und liebe Eltern, Freundinnen und Freunde der neuen Theodor Körner Preisträger, heute erleben. Eine gestrenge Jury hat Ihre Projektanträge und ihre bisherige Arbeit genau geprüft und beurteilt und ist im Vergleich mit anderen eingereichten Arbeiten zu der Entscheidung gekommen, dass Ihnen ein Preis aus dem Theodor Körner Fonds gebührt.

Das ist etwas ganz Besonderes. Sie, sehr geehrte Preisträgerinnen und Preisträger, können stolz auf sich sein; Sie, sehr geehrte Eltern, Freundinnen und Freunde, Weggefährten, können stolz auf Ihre Kinder, Ihre Freunde, Ihre Lieben sein. Auf sich stolz sein, und auf andere stolz sein, ist ein wichtiges Gefühl. Darin dokumentiert sich Selbstbewusstsein, Freundschaft, gesellschaftlicher Zusammenhalt.

Ein wissenschaftlicher Preis, den man erhält, ist nicht nur ein Geldbetrag, mit dem man eine Zeit lang seine Monatsmiete bezahlt, die notwendigen Nahrungsmittel erwirbt, oder einen Potlatch, so heißen die großen Feste bei den Quakiutl-Indianern, veranstaltet, ein wissenschaftlicher Preis bringt eine Forscherin / einen Forscher ein Leben lang mit eben diesem Preis in Verbindung. Die Auszeichnung steht festgeschrieben in Ihrem curriculum, der Preis erhöht Ihren Wert als Wissenschafterin und Wissenschafter und als Künstlerin und Künstler, wenn man sich mit einer elektronischen Suchmaschine an Ihre Spuren heftet, dann findet man Ihren Namen im Zusammenhang mit dem Preis, weil der Theodor Körner Fonds, wie natürlich auch die Nobelpreis-Stiftung, eine genaue elektronische Liste der Ausgezeichneten führt. Sie haben an symbolischem Kapital der Ehre gewonnen und in der Ökonomie der Aufmerksamkeit eine größere Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Das Hauptkriterium wissenschaftlicher Arbeit ist die ausgezeichnete wissenschaftliche Leistung, das ausgezeichnete wissenschaftliche Ergebnis. Mit der Zuerkennung des Theodor Körner Preises haben Sie bewiesen, dass Sie zu einer ausgezeichneten Leistung befähigt sind. Das stärkt Ihren Wert in der scientific community und Ihr Selbstbewusstsein.

Eine exzellente Leistung in der wissenschaftlichen Arbeit und Erfolg in der Forschung sind - und ich komme auf meinen zentralen Punkt zu sprechen - nicht wesentlich und vor allem Egotrip, etwas, was man wesentlich für sein Standing macht. Wissenschaft geschieht im öffentlichen Auftrag im Interesse der Bürgerinnen und Bürger und mit einer großen sozialen Verantwortung. Förderungsmittel für Wissenschaft und Forschung werden im wesentlichen aus Steuermittel zu Verfügung gestellt. Es geht jedoch nicht nur um ein kühles Leistungsverhältnis zwischen den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern, die Mittel für Forschung bereitstellen, und Forscherinnen und Forschern, die ihre Bringschuld gegenüber ihrem Auftraggeber, der BürgerInnen- und Bürgerschaft, absolvieren.

Gerne zitiere ich in diesem Zusammenhang unseren neu gewählten Bundespräsidenten Dr. Heinz Fischer, unter dessen Ehrenschutz die Preisverleihung stattfindet: „Unser Handeln braucht Werte".

Die Welt wurde und wird gegenwärtig durch eine durchgehende überall merkbare Ökonomisierung von allem und jedem gestaltet und geprägt. Diese Ökonomisierung unter neoliberalen Vorzeichen wird von starken Akteurinnen und Akteuren mit der Zielsetzung der Maximierung privater Profite vorangetrieben. Nun ist - davon war die Rede - Eigennutz auch in Wissenschaft und Kunst ein legitimes Handlungsmotiv. Aber nur eines.

Nicht nur als Geistes-, Kultur- und Gesellschaftswissenschafter, sondern als politischer Mensch mit einem politischen Wissen über die Welt weiß man auf guter empirischer Basis, dass viele Leistungen und Errungen-schaften, die die gegenwärtige Welt überhaupt erst erträglich machen, auf an Werten orientierten Handeln beruht: die Abschaffung der Folter, Menschenrechte, wohlfahrtsstaatliche Systeme, eine flächendeckende Kranken- und Altersversorgung waren das Ergebnis einer Arbeit von Kollektiven, von Institutionen und von einzelnen Persönlichkeiten, die sich nicht nur und vor allem für den eigenen Vorteil, sondern für das kollektive Wohl eingesetzt haben. Die Geschichte mit ihrem unendlich anmutenden Inventar an Erfahrungen und Geschehnissen ist der beste und eindringlichste Beweis dafür.

Und für dieses an Werten orientierte Handeln müssen Wissenschafterinnen und Wissenschafter und Künstlerinnen und Künstler in erster Reihe stehen.

Zur wissenschaftlichen Ethik gehört
- ein hohes Maß an kritischer Selbstreflexion des eigenen Tuns,
- ein Bewusstsein der Bedingungen, Ursachen, Wirkungen und Folgen des eigenen wissenschaftlichen Handelns,
- ein Bewusstsein der Verantwortung gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern, die Wissenschaft ermöglichen,
- ein Bewusstsein darüber, dass Wissenschaft der Gesellschaft und den Menschen verpflichtet ist.

Wer sonst als Künstlerinnen und Künstler und Wissenschafterinnen und Wissenschafter mit höchstem Reflexionsniveau kann wissen, dass Gesellschaft und Geschichte durch Menschen gestaltet werden, in deren Macht es liegt, dass Geschichte einen guten Verlauf nimmt. Der renommierte Historiker Eric Hobsbawm, der Kindheit und Jugend in Wien verbracht hat und seit 2008 Ehrenbürger der Stadt Wien ist, schließt seine Autobiographie über sein Leben im 20. Jahrhundert mit dem Satz „Doch wir wollen nicht die Hände in den Schoß legen, auch nicht in unbefriedigenden Zeiten. Soziale Ungerechtigkeit muss immer noch angeprangert und bekämpft werden. Von selbst wird die Welt nicht besser".

Ich meine, dass die Welt in allen ihren Subsystemen die Aufgabe hat, wertorientiertes Verhalten zu ermöglichen, zu stärken, zu stiften, zu denken. Die Welt ist nicht wesentlich ein brutales Konkurrenzgeschehen, wo jede / jeder auf eigenen Vorteil gegen die anderen agiert, das ist eine Fehldeutung.

Wir alle haben die Aufgabe, und Wissenschafterinnen und Wissenschafter und Künstlerinnen und Künstler im besonderen, uns an einer Neudefinition und Gestaltung von Gesellschaft im Sinne von Kooperation und Solidarität mitzuwirken. Die Welt wächst dynamisch zusammen, die scientific community war ein frühes erfolgreiches Beispiel für eine internationale Gemeinschaft, die ihre Entscheidungen und Entwicklungen nach dem Gesetz des Primats des besseren Argumentes trifft. Und im Sinn von akademischer Fairness.

Heute aber ist ein Feiertag, ein Festtag für Sie, die Sie einen wesentlichen Fundamentstein Ihrer wissenschaftlichen Karriere gelegt haben. Darüber freuen wir uns alle mit Ihnen, sehr geehrte Preisträgerinnen und Preisträger.

Ich wünsche Ihnen ganz herzlich viel Freude bei Ihrer Erforschung der Welt in den Bereichen der Natur, der Technik, der Kunst und der Gesellschaft. Und ich wünsche Ihnen Erfolg und Glück - in der kleinen Perspektive Ihrer aktuellen Projekte und in der großen Perspektive des Lebens als Wissenschafterinnen und Wissenschafter und als Künstlerinnen und Künstler.

Hubert Christian Ehalt