Festrede der Verleihung 2011

Festrede von Peter Weinberger bei der Verleihung 2011

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
Magnifizenz,
Herr Präsident,
sehr geehrte Preisträgerinnen und Preisträger,
Sehr geehrte Damen und Herren,


vor ziemlich genau 40 Jahren habe ich genau von hier, im großen Festsaal der Universität Wien, eine Rede gehalten: die sog. Promotionsrede, stellvertretend für alle, die gleichzeitig mit mir promoviert wurden. Erwartet waren rührende Worte an die Mama, den Papa, die Oma und die Großtante. Genau das habe ich nicht getan. Stattdessen sprach ich über die Situation an den Universitäten, über die damals immer noch vorhandene, unerträglich gewordene Ordinarienuniversität, über demokratische Modelle, die Lehrende und Lernende vereinen sollten. Unmittelbar danach wurden „studentische" Ansprachen bei Promotionsfeiern verboten.

Nun, 40 weitere Jahre kann ich nicht warten, um noch einmal hier sprechen zu dürfen.

Im Folgenden möchte ich Sie – sozusagen als „Zeitzeuge“ - ein wenig in die Vergangenheit zurückführen. Zurückführen in die Zeit der Präsidentschaft Theodor Körners, in eine Zeit, die manchem vielleicht schon fast so weit zurück zu liegen scheint, wie etwa die Besetzung Wiens durch napoleonische Truppen. Selbst die Jahrzehnte nach Theodor Körner sind vielen von uns bereits aus dem Gedächtnis entglitten.  

Im Frühjahr 1951 fand nach dem Tod Renners der Wahlkampf zur ersten freien Bundespräsidentenwahl der Zweiten Republik unter denkbar ungünstigen politischen Voraussetzungen statt, da nur ein knappes halbes Jahr davor der große Oktoberstreik (1950) Österreich und vor allem Wien erschüttert hatte. Ich ging damals in die zweite Volksschulklasse, in Floridsdorf, vermutlich als einziges jüdisches Kind dieses Bezirks. Auf dem Weg in die Schule, auf der Donaufelderstrasse, standen zwei große Plakate nebeneinander. Das eine zeigte Dr. Heinrich Gleissner, das andere Dr. Theodor Körner. Natürlich sprachen meine Eltern viel über diese Wahl, schließlich lag die erste Republik nur weniger als 20  Jahre zurück, und vor allem auch, da einer der aussichtsreichen Kandidaten,  nämlich Heinrich Gleissner, ein ehemaliger Dollfuß-Staatssekretär war. Immer wieder hörte ich das Wort "Christlich-Sozialer".

Es kam mir, dem etwa Achtjährigen, richtig bedrochlich vor. Genau deshalb schlich ich ängstlich bei jenem Gelissner-Plakat vorbei, unter gleichzeitgen, aufmunterneden Zunicken zu dem Herrn mit dem weißen Vollbart und der charakteristischen Glatze. Im Herbst des gleichen Jahres verteilte man an alle Volksschüler ein kleines, grünes Büchlein mit Geschichten über den eben gewählten Bundespräsidenten Theodor Körner. Rückblickend muss ich einräumen, dass der Stil, in dem diese Geschichten abgefasst waren, um nichts jenem im ehemaligen k.u.k. Lesebuch nachstand. Wahrscheinlich waren sie aber genau deswegen so einprägsam. Am meisten beeindruckt war ich von der Geschichte über Oberst Körner, der persönlich mit ein paar seiner Pioniere ein durch Hochwasser auf der Wien entstandenes Hindernis beseitigte und so großen Schaden an der Stadt verhinderte. Wahrscheinlich hat mich diese Geschichte auch beeindruckt, weil ich als Floridsdorfer Kind, als Kind in der russischen Zone, nie zuvor die Wien gesehen habe, und ich sie mir als reißenden Strom vorgestellt hatte. Allerdings, dieses kleine, grüne Büchlein transportierte etwas, das in mir sitzen geblieben ist, nämlich die Notwendigkeit soziale Verantwortung ernst zu nehmen. Im Grunde genommen ist es auch dieses Büchlein und damit jener Theodor Körner vom Plakat, die mich gelegentlich in Sitzungen des Kuratoriums des Theodor Körner Fonds nach der sozialen Relevanz von Projekten fragen lässt.

In den Fünfzigerjahren trugen viele Wiener – genauso wie Heinrich Gleissner auf dem Plakat - auf der Strasse Steireranzüge und Wienerinnen Dirndln, geradeso, als wollten sie damit andeuten, dass sie immer schon Österreicher bzw.  Österreicherinnen gewesen sind, und dass sie ein Anrecht darauf haben, als erste  Opfer des Nationalsozialismus zu gelten. Diese selbstgefällige, geistige Verdörferung blieb Österreich erhalten selbst nachdem Steireranzüge längst aus  der Mode gekommen sind; es blieb eine Verprovinzialisierung, die auch 50 Jahre danach einen Teil der österreichischen Seele darstellt. Es ist kein Zufall, dass Österreich das bei weitem strengste Fremden- und Asylgesetz innerhalb der Europäischen Union hat, das übrigens im Herbst noch einmal im Nationalrat verschärft werden soll.

Übrigens, jenes Heinrich Gleissner Plakat – er hält großväterlich ein kleines Mädchen mit blonden Lockerln auf seinem Arm – scheint ein erster Vorläufer von „Echter Österreicher“-Plakaten gewesen zu sein. Die Bildsprache in jenen beiden Plakaten war jedenfalls unmissverständlich.

Heute meinen viele in der Zeitgeschichte, dass das 20. Jahrhundert, als politische Einheit betrachtet, mit dem Fall des Eisernen Vorhangs zu Ende ging. Umgekehrt kann man sehr wohl auch behaupten, dass der Nationalsozialismus nicht im April 1945 beendet war, sondern in den Köpfen der Menschen und vor allem im Überbau des Landes kräftig weiterlebte. Selbst noch in den Sechzigerjahren, als ich an dieser Universität Physik, Chemie und Mathematik studierte. Im damaligen Physikstudium gab es keine Grundvorlesung zur Quantenmechanik und die Relativitätstheorie fand bloß als versponnenes Kuriosum am Rande Platz. In den Sechzigerjahren, 20 Jahre nach Beendigung des 2. Weltkriegs, herrschte an der Wiener Universität im wesentlichen immer noch die „Deutsche Physik“. Selbst Hans Thirring konnte sich nicht gegen die Vorherrschaft der Ehemaligen durchsetzen.

Die Mathematik war - mit ganz wenigen Ausnahmen – ebenfalls fest auf den Grundlagen des 19. Jahrhundert gebaut, vorgetragen von jenen, die beim Anschluss für ein rasches Ende des ehemals berühmten mathematischen Seminars in der Boltzmanngasse gesorgt hatten. Das berühmte Buch von David Hilbert und Richard Courant, „Methoden der mathematischen Physik“, 1924 erstmals erschienen, blieb unerwähnt. Heute befindet sich das Courant Institute of Mathematical Sciences um’s Eck von meinem Büro im Physics Department der New  York University. Ganz in der Nähe des Washington Squares. Und Courants Tochter  spielt nach wie vor in New York Cello in einem aus Emigranten bestehenden Amateurquartett. Bis vor zwei Jahren gemeinsam mit Franz Alt, einem der Vertreter jenes mathematischen Seminars. Franz ist übrigens im Herbst 100 Jahre alt  geworden!

Sehr viel besser stand es auch in der Chemie nicht. Lediglich im Eingangsbereich zur Währingerstrasse Nr. 42 erinnerte eine Gedenktafel an zwei in den letzten Kriegstagen erschossene Widerstandskämpfer. Ich erinnere mich noch sehr genau,  dass einer der Ordinarien in seiner Vorlesung mit Vorliebe mitunter jüdische Witze erzählte. Damals war mir allerdings nicht bewusst, dass krampfhaftes „Gejüdel“ auch Ausdruck von Antisemitismus sein bzw. vermitteln kann. Noch in den 60-Jahren war das Schweigen allumfassend.

Als ich nach Abschluss meines Studiums mit Glück ein Stipendium der Schwedischen Akademie ergatterte, das mich als Postdoc an die Universität  Uppsala, in ein damals weltweit berühmtes Institut brachte, stand ich plötzlich wie  eine Kuh vor einem neuen Tor, vor dem Tor zur modernen Physik. Mein aus Wien mitgebrachtes Wissen, hatte sich größtenteils als nutzlos erwiesen. Uppsala verhalf mir in der Folge zu einer Postdoc-Stelle in den USA und vor allem danach zu einer solchen Stelle in Oxford. In den 70-Jahren waren Auslandsaufenthalte noch sehr unüblich, wenn nicht gar „unerwünscht“. Für eine akademische Karriere erwiesen sie sich eher als Hindernis.

Einigermaßen physikalisch „brain-washed“ kam ich jedenfalls nach einiger Zeit aus Oxford nach Wien zurück. Österreich hatte sich in der Zwischenzeit gewaltig verändert: es war im Zenith der Kreisky-Ära. Viele Fenster hatten sich bereits geöffnet, durch die sich zumindest ein Teil des Provinzialismus der unmittelbaren Nachkriegszeit verflogen hatte. Allerdings hatte ich in England, aber auch in den USA viele Emigranten aus Wien getroffen, Menschen, die mit Wien mit einer fast nicht durchdringbaren Hassliebe verbunden waren. Etliche von ihnen stammten aus großbürgerlich-liberalen jüdischen Familien, aus jener Schichte, die zum größten Teil einst ein wahres intellektuelles Feuerwerk entfachte und so Wien für eine kurze Zeit zu einem alle anderen Weltstädte überstrahlenden Zentrum machte, wie Tony Judt es formulierte, von dem noch die Rede sein wird.

Damals, als ich zurückkam, war es mir noch nicht so bewusst, wie fast vierzig Jahre später: Bruno Kreisky war vermutlich einer der allerletzten dieser gesellschaftlichen Schichte. Er wusste, dass vieles geändert werden kann und geändert werden muss. Ihm war vermutlich auch bewusst, dass es wahrscheinlich Generationen dauern wird, bis sich vielleicht ein neues intellektuelles Feuerwerk entwickelt. Allerdings aus einem vollkommen anderen Assimilationskessel. Heute Abend, findet im Akademischen Gymnasium eine Gedenkfeier aus Anlass des Jahrestages der Relegierung jüdischer Lehrer und Schüler statt. Drei ehemalige Schüler haben ihre Teilnahme an dieser Feier zugesagt, mit zwei von ihnen bin ich sehr befreundet. Mit Joseph Horwitz, zum Beispiel, einem im gesamten anglikanischen Raum sehr bekannter Komponisten. Sein Vater war der Begründer und Besitzer des berühmten Phaidon Verlags in Wien. Joseph, nunmehr weit über 80 Jahre alt, wird am Klavier den Schülerchor des Akademischen Gymnasiums begleiten. Begleiten zu einem Stück, das er für Kinder und Jugendliche geschrieben hat, zu „Captain Noahs Floating Zoo“.

Übrigens in seinem 5. Streichquartett, Erich Gomprich zum 60. Geburtstag gewidmet, ertönt ganz kurz verfremdet die Melodie von „Mei Mutterl wor a Weanerin“ auf, um gleich danach vom Thema des Horst-Wessel-Lieds eingeholt zu werden.

Der andere, Walter Kohn ist Nobelpreisträger, Sohn des seinerzeitigen Besitzers eines bestens bekannten Postkartenverlags. Die Rückgabe einiger, inzwischen als Kostbarkeiten gehandelten Postkarten durch das Theatermuseum an die  ursprünglichen Eigentümer wurde übrigens erst unlängst (2011) beschlossen. Mit Walter saß und sitze ich während seiner kurzen Besuche in Wien stets auch im Kunsthistorischen Museum vor einem Bild – fast so wie in Thomas Bernhards „Alte Meister“ – einfach bloß zum Reden.

Es ist schon einige Jahre her, als er dort urplötzlich meinte, Forschung und Wissenschaft sei wie das Betrachten eines Gemäldes: steht man zu nahe, sieht man nichts, steht man zu weit weg, sieht man ebenfalls nichts. Das Wichtigste ist, den richtigen Abstand zu haben.

Joseph Horowitz und Walter Kohn sind Vertreter jener, die uns, die meiner Generation gefehlt haben und die eigentlich immer noch fehlen, allerdings ist Joseph Horowitz jetzt ein britischer Komponist und Walter Kohn ein amerikanischer Nobelpreisträger.

Jetzt werden Sie mich – und ich richte mich vor allem an unsere Preisträger - natürlich fragen und wie finde ich den richtigen Abstand in meinem Gebiet? Zunächst einmal ist es absolut erforderlich, sich der internationalen Konkurrenz zu stellen. Versucht eure Arbeiten in den weltweit besten Zeitschriften unterzubringen. Dort ist die Konkurrenz am größten. Natürlich ist es deprimierend, negative Gutachten zu bekommen. Aber das Glücksgefühl, es vielleicht doch geschafft zu haben, überwiegt alle Niederlagen. Genauso erforderlich ist es, große internationale Konferenzen zu besuchen, um herauszufinden, wie gut eigentlich die Konkurrenten sind. Erst dann weiß man, vor welchem Gemälde man überhaupt steht.

Und der Abstand? Den muss man für sich ganz alleine herausfinden. Zum Beispiel, indem man die soziale Relevanz seiner Arbeiten in Betracht zieht, indem man sich der gesellschaftlichen Rolle von Intellektuellen bewusst wird, die Antonio Gramsci in seinem berühmten Buch „Gli Intelletuali“ so trefflich beschrieben hat. Indem man ganz persönliche Momente oder Interessen einfließen lässt. Walter Kohn, zum Beispiel, hat sich schon sehr früh der Pugwash Bewegung angeschlossen, die bereits kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges entschieden für eine Reduktion des Atomwaffenarsenals eingetreten ist.

Übrigens, für Künstler gilt genau das gleiche! Es gibt bekannte Wettbewerbe, die zur Teilnahme einladen. Auch da ist die Konkurrenz riesig: die Musikwelt von heute beschränkt sich längst nicht mehr auf die klassischen europäischen Länder und ein paar Städte in den USA.

Bei einem solchen Wettbewerb auch nur den zweiten oder dritten Platz gewonnen zu haben, beseitigt hoffentlich alle vorhandenen Selbstzweifel. Zugegeben: für ein Musiker etwa ist schon Wien ein schwieriger Platz sich durchzusetzen, allerdings, sich in der internationalen Szene zu bewegen und dort geschätzt zu werden, ist vielleicht der einzige Weg, für sich selbst den richtigen Abstand – wie Walter Kohn meinte - zu entdecken. Auch wenn die Konkurrenz aus Osteuropa oder aus fernöstlichen Ländern erdrückend zu sein scheint.

So, und nun bin ich dort angelangt, wohin ich – mit einem kleinen Umweg über Theodor Körner und die 50-, 60- und 70-Jahre - eigentlich vom Anfang an hin wollte, nämlich bei einem Zitat aus Tony Judts allerletztem Buch, „The Memory Chalet“ (2010). Tony Judt, dessen Name ich bereits einmal kurz erwähnt habe, war ein äußerst bekannter Zeithistoriker, vor allem der osteuropäischen Geschichte. Eines seiner Bücher, nämlich „Postwar. A History of Europe since 1945“ wurde zum Beispiel vom New York Review of Books, der, international gesehen, wohl berühmtesten Zeitschrift westlicher Kultur, als eines der zehn besten Bücher des Jahres 2005 gepriesen. Tony Judt starb an einer heimtückischen Krankheit, während der die Mobilität seines Körpers langsam abstarb. Zum Schluss waren es nur mehr seine Gedanken, Erinnerungen an die Vergangenheit und Erinnerungen an die Zukunft, die seine gerade noch bewegliche Zunge und seine Stimmbänder ihm  gestatteten, zu kommunizieren.

Being „Danish“ or „Italian“, „American“ or „European“ won’t just be an identity; it will be a rebuff and a reproof to those whom it excludes. … In this brave new century we shall miss the tolerant, the marginal: the edge people. My people.

Ich wünsche mir, dass viele von unseren heutigen Preisträgern in der Zukunft zu jenen “edge people” gehören werden. Und bitte am Weg dorthin, mein kleines grünes Büchlein über den Theodor Körner nicht zu vergessen!