Festrede der Verleihung 2012

Festrede von Theo Öhlinger bei der Verleihung 2012

Frau Vizerektorin,
Herr Präsident,
Verehrte Festgäste,
Liebe Preisträgerinnen und Preisträger,
Meine sehr geehrten Damen und Herrn

 

I.

 

Es gibt heutzutage viele Preise für Künstler, Autoren, Wissenschaftler etc. Vom Nobelpreis abwärts wird die Mehrzahl dieser Preise für Leistungen der Vergangenheit verliehen. Sie bedeuten in der Regel die Krönung eines Lebenswerkes und man erhält sie zu einer Zeit, in der man auf das Preisgeld nicht mehr unbedingt angewiesen ist. Der Theodor-Körner-Preis ist anders. Er unterscheidet sich von der Mehrzahl der gängigen Preise darin, dass er zukunftsgerichtet ist. Er ist als eine Art Starthilfe für junge Künstler und Wissenschaftler gedacht – Künstler und Wissenschaftler allerdings, die bereits erkennen haben lassen, dass man von ihnen in der Zukunft noch große Leistungen erwarten darf. Die Auswahl erfolgt nach durchaus strengen Kriterien. Die Juroren müssen dabei ein gewisses Risiko auf sich nehmen, haben aber in der Vergangenheit eine recht gute Nase bewiesen. Ich kann hier die Fülle der heute sehr bekannten Preisträger nicht aufzählen. Sie reicht von großen Namen in der Kunst – Gottfried von Einem, Adolf Frohner, Maria Lassnig oder Christian Ludwig Attersee, um nur einige ganz wenige zu nennen –, über den Präsidenten eines Höchstgerichtes und einen Richter am Internationalen Gerichtshof im Haag bis zu einer sehr langen Liste bekannter Professoren an österreichischen und ausländische Universitäten.

Der Theodor-Körner-Preis soll in einer Lebensphase, die oft von äußeren Unsicherheiten und auch inneren Zweifeln geprägt ist, einen Ansporn und eine Bestätigung vermitteln, dass es richtig ist, den eingeschlagenen Weg als Künstler oder Wissenschaftler fortzusetzen, und er soll dazu auch mit einer – gewiss bescheidenen – finanziellen Unterstützung in einer Lebensphase beitragen, in der man von hohen Honoraren und hochdotierten Preisen vorerst nur träumen kann.

Ich habe diesen Preis vor – wie Sie dem Programm entnehmen können – 41 Jahren erhalten. Ich war damals in einer Situation, in der mir dieser Preis sehr geholfen hat. Meine Stelle an der Universität war prekär, die Arbeit an der Habilitation erwies sich als langwieriger und schwieriger als ursprünglich gedacht, und ich stand vor der Frage, ob ich es auch vor meiner jungen Familie verantworten konnte, die wissenschaftliche Laufbahn weiter zu verfolgen. In dieser Phase hat mir die positive Beurteilung des von mir vorgelegten Projekts durch eine hochkarätig besetzte Jury, von der ich erwarten durfte, dass sie das auch richtig einschätzen konnte, Mut gemacht. Und auch die materielle Seite des Preises war damals eine hochwillkommene Unterstützung. Dass ich heute hier stehen und Ihnen zur Preisverleihung gratulieren darf, verdanke ich auch dem Theodor-Körner-Preis.

Wer sich auf Wissenschaft als Beruf einlässt, geht immer auch ein Risiko ein. Und noch mehr gilt das für die Kunst. Kunst oder Wissenschaft als Beruf sind nicht einfach ein Job. Sie sind so etwa wie eine Berufung. Sowohl künstlerisches Schaffen als auch wissenschaftliche Forschung setzen eine Leidenschaft für die Sache voraus, die auch die Kraft gibt, Hindernisse und Schwierigkeiten, die sich fast unvermeidlich stellen, zu überwinden und Phasen geringer Anerkennung oder geringen Erfolgs durchzustehen. Es mag manchmal shooting-stars geben – in der Kunst noch eher als in den Wissenschaften (auch wenn sie sich dann manchmal als failing stars, als bloße Sternschnuppen, erweisen). Im Regelfall braucht man aber einen langen Atem. Und auch der Zufall spielt oft genug eine Rolle. Das wusste schon Max Weber, als er vor knapp 100 Jahren jenen berühmt gewordenen Vortrag hielt, dessen Titel („Wissenschaft als Beruf“) ich mir hier entlehnte.

Auf der anderen Seite gibt es aber in kaum einem anderen Beruf eine ähnliche Chance auf Selbstverwirklichung, auf Kreativität, auf Erfüllung der eigenen Persönlichkeit. Künstlerisches Schaffen und wissenschaftliches Arbeiten implizieren ein hohes Maß an Freiheit, aber Freiheit bedeutet eben immer auch Risiko. Dieses Risiko einigermaßen erträglich zu machen, zeichnet einen Kulturstaat aus. Man muss einem Selbstverwaltungskörper wie der Kammer für Arbeiter und Angestellte dankbar sein, dazu mit dem Theodor-Körner-Fonds einen Beitrag zu leisten und nicht zu leugnende Defizite staatlichen Handelns auszugleichen.

 

II.

 

Die Rahmenbedingungen speziell für wissenschaftliches Arbeiten haben sich, seit ich diesen Preis erhalten habe, grundlegend verändert. Manches scheint sich allerdings wie in einem Zyklus zu wiederholen. In den Universitäten gab auch damals Unruhe. Es war das die Zeit, als Studenten und Assistenten vehement eine Mitbestimmung in den Gremien der universitären Selbstverwaltung einforderten. Mit dem UOG des Jahres 1975 wurde das auch in einem hohen Ausmaß erreicht. Heute ist diese Mitbestimmung wieder weitgehend abgeschafft. Dafür sind die Universitäten autonom geworden. Ich halte diese Autonomie im Prinzip für einen großen Fortschritt. Problematisch ist es aber, dass sie von Anfang an mit großen finanziellen Schwierigkeiten belastet war. Der Staat hat sich nicht nur aus der Verwaltung der Universitäten zurückgezogen, sondern zu einem hohen Grad auch aus seiner finanziellen Verantwortung. Man kann sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, dass ein Hauptmotiv für die Autonomisierung der Universitäten die Entlastung des Bundesbudgets war, so wie das für die Ausgliederung der Bundestheater und der Bundesmuseen ganz evident ist. Jedenfalls sollten die Universitäten für ihre Finanzierung in die Pflicht genommen werden, was auch nicht ganz falsch ist, solange es unbestritten bleibt, dass dem Staat die Hauptverantwortung zukommt und er diese auch erfüllt.

Ich halte es daher auch für sehr problematisch, dass der Staat versucht, das Problem der Studiengebühren auf die Universitäten abzuschieben – und das entgegen einer Gesetzeslage, die zwar nach einem Erkenntnis des VfGH nur mehr einen rudimentären und insofern nicht mehr vollziehbaren Inhalt hat, aber in dem Punkt der staatlichen Zuständigkeit nach wie vor ganz eindeutig ist. Diese Rechtslage kann man natürlich ändern. Es gibt Argumente für und Argumente gegen Studiengebühren. Es gibt auch Argumente für einen größeren Gestaltungsspielraum der Universitäten. Aber all das muss nach geltendem Recht der Gesetzgeber entscheiden, und es ist beschämend, wenn sich die Politik über eine vernünftige Lösung nicht einigen kann.

 

III.

 

Es hat sich an den Rahmenbedingungen der Wissenschaft seit 1971 noch vieles andere sehr grundlegend verändert. Ich will zum Abschluss nur auf einen Punkt eingehen: den geographischen Rahmen. Sowohl für die Kunst als auch für die Wissenschaften hatten staatliche Grenzen seit jeher – ich würde nicht sagen: keine, aber doch nur – eine sehr reduzierte Bedeutung. Kunst und Wissenschaft haben sich stets über Grenzen hinweg entfaltet. Heute sind die staatlichen Grenzen in Europa fast zur Gänze verschwunden. Ich spreche bewusst von Europa und meine damit die Europäische Union, weil Europa ja in Wahrheit kein Kontinent in einem geographischen Sinn ist – als solcher ist Europa nur eine zerklüftete Halbinsel des asiatischen oder meinetwegen eurasiatischen Kontinents. Europa ist vielmehr ein kulturelles Phänomen: der Name für einen Teil der Erdoberfläche, der durch seine Kultur geprägt ist. Und Kunst und Wissenschaft sind konstitutive Elemente dieser Kultur. In der Europäischen Union hat dieses Europa seine politische Einheit gefunden.

Der Abbau der staatlichen Grenzen in Europa hat auch die Freizügigkeit und den Entfaltungsraum der Künstler, vor allem aber jene der Wissenschaftler erheblich erweitert. Schon die Studenten haben im Rahmen des Erasmus-Programms Möglichkeiten, in einem anderen europäischen Land zu studieren, wie sie zur Zeit meines Studiums noch ganz unvorstellbar waren. Ein Wechsel der Wissenschaftler zwischen in- und ausländischen Universitäten ist heute zur Selbstverständlichkeit geworden.

Dieses Europa ist heute bekanntlich in einer Krise, die seine Existenz in Frage stellt. Gewiss gibt es an Europa durchaus auch Manches zu kritisieren. Der Bologna-Prozess der Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulraumes, um nur ein Beispiel zu nennen, hat Auswüchse in Richtung einer Verschulung des Studiums mit sich gebracht, die der europäischen Idee der Universität geradezu zuwiderlaufen. So etwas darf und muss man kritisieren – unter Umständen auch sehr lautstark, wie es Studenten im Herbst 2009 taten.

Das sollte aber nicht die Grundidee der europäischen Einigung verdunkeln. Europa zu renationalisieren, würde – weniger vielleicht aus der Sicht der Künstler, die sich um staatliche Grenzen nie sehr geschert haben, wohl aber aus der Sicht der Wissenschaft – einen großen Rückschritt bedeuten und manche heute selbstverständlich gewordene Errungenschaft wieder in Frage stellen. Ich habe noch erlebt, dass man für ein wissenschaftliches Buch, das einem ein Kollege aus dem Ausland per Post schickte, ein Zollverfahren abwickeln musste. Berufungen an eine ausländische Universität waren eine seltene Ausnahme, und auch umgekehrt. Solche Zeiten sollten nicht wieder kommen.

Insofern haben gerade junge Wissenschaftler und vielleicht auch Künstler eine gewisse Verpflichtung, für Europa einzutreten und die europäische Idee in dieser Zeit ihrer Krise zu verteidigen. Die Stimme anerkannter und in Zukunft prominenter Künstler und Wissenschaftler, wie es viele von Ihnen sein werden, hat in der Öffentlichkeit Gewicht und insofern haben Sie auch eine soziale Verantwortung.

Aber heute soll es nicht primär um diese Verantwortung gehen. Heute sollen Sie sich vor allem über die Auszeichnung freuen, die Sie nun erhalten werden. Ich gratuliere Ihnen dazu ganz herzlich und wünsche Ihnen, dass Sie den Lebensweg als Künstler oder Wissenschaftler, zu dem wir Sie mit diesem Preis ermuntern wollen, erfolgreich gehen werden.