Festrede anlässlich der Preisverleihung des Theodor Körner Fonds 2013

Festrede von Ewald Nowotny bei der Verleihung 2013

Sehr geehrte Frau Vizerektorin, lieber Herbert Tumpel, lieber Oliver Rathkolb,
Liebe Preisträgerinnen und Preisträger,
Meine sehr geehrten Damen und Herrn!

 

Es ist eine Ehre für mich, heute hier zu stehen und zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ich bin dem Theodor Körner Fonds auf vielfache Weise verbunden. 1968 erhielt ich einen Theodor Körner Preis, es war der erste wissenschaftliche Preis meines Lebens und ich bewundere noch heute den Mut der damaligen Auswahlkommission diesen Preis einem erst 24jährigen Universitäts-Assistenten zu verleihen. Der Titel der ausgezeichneten Arbeit lautete „Die Reform des internationalen Währungssystems durch Ausbau von Ziehungsrechten oder Schaffung von Reserveeinheiten und ihre Bedeutung für Österreich“ – Sie sehen, ich habe mich seit dieser Zeit nicht mehr wesentlich intellektuell weiterentwickelt.

Die Auszeichnung für den „Körner-Fonds“ hat mir persönlich enormen Auftrieb gegeben und mir auch beruflich weitergeholfen. Ich habe daher in späteren, „arrivierteren“, Jahren gerne die Einladung angenommen, Mitglied- und später Vorsitzender – des wissenschaftlichen Beirates zu werden. Es war dies eine höchst interessante Tätigkeit angesichts der Vielfalt der Themen, die an uns herangetragen wurden und vor allem auch angesichts der Vielfalt der Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kunst, die ich durch meine Beiratstätigkeit kennenlernen konnte und von denen einige liebe persönliche Freunde geworden sind.

Als Vorsitzender des Beirates hatte ich auch mit dem Kuratorium und speziell mit dessen Präsidenten zu tun. Dem Kuratorium obliegt ja die – gerade heute besonders schwierige – Aufgabe, die Mittel für den Theodor Körner Fonds zu sichern, wobei nach wie vor dankenswerter Weise Arbeiterkammer und Gewerkschaft den größten Teil bereitstellen. Eine besonders enge Zusammenarbeit ergab sich hier mit dem langjährigen Präsidenten der Arbeiterkammer Herbert Tumpel, den ich nicht nur als guten und bewährten Freund kenne, sondern als einen Intellektuellen, der neue Entwicklungen in Wissenschaft, wie auch Kunst mit besonderem Interesse verfolgt und daher auch inhaltlich die Arbeit des Körner Fonds mit lebhaftem Interesse begleitete und erfreulicher Weise auch weiter begleiten wird. Es ist daher eine schöne und noble Initiative der Bundesarbeiterkammer anlässlich der Beendigung der 16jährigen Amtszeit von Herbert Tumpel einen sehr hoch dotierten „Herbert Tumpel Preis“ zu schaffen, der als spezieller Widmungspreis im Rahmen des Theodor Körner Preises 2014 zum ersten Mal vergeben werden wird.

Nicht nur als Ökonom, auch als historisch interessierter Staatsbürger ist es mir wichtig darauf hinzuweisen, wie sich gerade auch aus Finanzierungsstrukturen für Wissenschaft und Kunst gesellschaftspolitische Perspektiven ableiten lassen. In dem von Oliver Rathkolb und Klaus-Dieter Mulley herausgegebenem verdienstvollen Buch zum Theodor Körner Fonds werden die Gründung des Fonds und die Aufbringung der Mittel geschildert. Bruno Kreisky der als langjähriger enger Mitarbeiter Theodor Körners später zum eigentlichen Initiator des Theodor Körner Fonds wurde, hielt bei der Gründungsversammlung des Fonds eine Rede, von der ich Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, gerne einen kleinen Ausschnitt wiedergeben möchte, der meines Erachtens auch heute von Bedeutung geblieben ist (auch wenn der selbstbewusste Gebrauch des Terminus „Arbeiterbewegung“ heute selten geworden ist).

In seiner Eröffnungsansprache betonte Kreisky: „Obgleich diese Mittel zu 80% aus den Kreisen der Arbeiterbewegung zur Verfügung gestellt worden sind, bestehe nicht die Absicht, nur jene Wissens- und Kunstzweige zu fördern, die der Arbeiterbewegung nützen; letztere respektiere vielmehr die Freiheit der Kunst und Wissenschaft als Ausdruck der wahren Demokratie und hoffe durch ihr Beispiel auch andere Quellen für die gleichen Ziele zu erschließen“. Mit Hinweis auf die Spenden von Arbeiterkammern und Gewerkschaften schloss der Staatssekretär mit den Worten, dass nun „das Volk selbst zum Mäzen geworden ist“.

 

Diese Aussagen Bruno Kreiskys aus dem Jahr 1954 sind zu sehen vor dem Hintergrund der massiven konservativen Hegemonie, die in den 50er und 60er Jahren auf Österreichs Hochschulen lastete. Ich selbst habe als Student und junger Wissenschaftler diese „bleierne Zeit“ erfahren, wo an den Universitäten die Nachwirkungen der Vertreibung vieler der besten Köpfe überall spürbar waren, wo es eine zum Teil durchaus aggressive Abwehr gegen Ideen (und zum Teil auch Menschen) „von außen“ gab. Auch ich selbst hatte für mich als „kritischer Geist“ keine wissenschaftliche Zukunft in Österreich gesehen – konnte dann aber die Chancen nutzen, die sich durch die Gründung des Instituts für Höhere Studien und die Errichtung der Universität Linz ergaben. In diesem Gesamtklima hat der Theodor Körner Preis eine weit über sein materielles Gewicht hinausgehende Bedeutung als Promotor fortschrittlicher, internationaler offener Wissenschaft und Kunst einnehmen können.

Heute leben wir zweifellos in inhaltlich und international offeneren Zeiten, aber es ist für mich weiterhin bedeutsam, hervorzuheben, dass der Theodor Körner Preis ein Förderpreis vor allem für junge, noch nicht so etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Künstlerinnen und Künstler ist. Er gehört zu den angesehensten und ältesten Förderpreisen, die in Österreich vergeben werden. Sein Ziel ist es, auf breiter Basis individuelle, konkrete Projekte zu fördern. Mehr als 3500 junge WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen wurden seit der erstmaligen Vergabe im Jahr 1954 mit dem Theodor Körner Preis ausgezeichnet. Darunter befinden sich sehr viele „klingende“ Namen des österreichischen Wissenschafts- und Kunstbetriebs, wie eindrucksvoll aus einer Auswahl namhafter Preisträger auf der Homepage des Theodor Körner Fonds hervorgeht. Das bemerkenswerte daran ist aber, dass diese Personen alle zu einem frühen Zeitpunkt in ihrer Karriere ausgezeichnet wurden, als sie in den wissenschaftlichen und künstlerischen Communities dieses Landes kaum noch etabliert waren. Das spricht für die Sorgfalt, Kompetenz und den Weitblick, mit der die eingereichten Arbeiten ausgewählt wurden!

 

Dabei war es mir persönlich immer wichtig, dass vor allem auch kritische oder ungewöhnliche Arbeiten abseits des Mainstreams der jeweiligen Profession ausgewählt und gefördert werden. Der heutige Wissenschaftsbetrieb, in dem Karriereverläufe oftmals ausschließlich an Publikationen in internationalen Mainstream-Zeitschriften geknüpft sind, hat aus meiner Sicht einen nicht gänzlich glücklichen Verlauf eingeschlagen. Kritische Arbeiten abseits des Mainstream werden durch dieses System nicht gerade gefördert. Dabei sind es gerade kritische Arbeiten, die die herrschende Lehrmeinung in Frage gestellt und auch verworfen haben, welche dann die Wissenschaft und auch die Kunst historisch betrachtet entscheidend vorangetrieben haben. Der Widerspruch zu und die Kritik an Etabliertem ist ein entscheidender Mechanismus des Fortschritts der Wissenschaft und der Gesellschaft insgesamt, der nicht unterdrückt werden sollte. Deswegen ist es mir so wichtig, dass der Auswahlprozess des Theodor Körner Fonds hier einen gewissen Kontrapunkt zum herrschenden Wissenschaftsbetrieb setzt. Durch eine möglichst breite Streuung der Expertise im Beirat des Fonds ist sichergestellt, dass bei der Auswahl der förderungswürdigen Projekte die Objektivität gewahrt bleibt.

Die große Anzahl an klingenden Namen unter den vergangenen Preisträgern spricht aber auch für diese jungen WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen, die unter nicht immer leichten Umständen ihren Weg schließlich gemacht haben. Nach der Reform des Universitätsgesetzes im Jahr 2002, die für das wissenschaftliche Personal an Universitäten in vielen Fällen materielle Nachteile gebracht hat, wird von jungen WissenschaftlerInnen ein großes Ausmaß an Idealismus verlangt, um die wissenschaftliche Laufbahn weiter zu verfolgen. Es kann zwar nicht Aufgabe des Theodor Körner Fonds sein, hier gegenzusteuern, doch ist es sehr erfreulich, wenn der Preis einen kleinen Beitrag dazu leistet, junge ForscherInnen mit Potenzial in der Wissenschaft zu halten. Der bekannte Historiker Fritz Fellner berichtet etwa, dass die Förderungssumme des Theodor Körner Fonds von 10.000 ATS, die er 1954 für sein Forschungsprojekt erhalten hatte, etwa dem Jahresgehalt eines Universitätsassistenten in der damaligen Zeit entsprach und dass diese Summe schließlich bewirkte, dass er in der Wissenschaft blieb und später ein wichtiger Historiker der „Salzburger Schule der Geschichtswissenschaft“1 wurde. Die Relationen haben sich zugegebenermaßen bei den heutigen Förderungssummen etwas verschoben. Doch wird immer wieder berichtet, dass die Zuerkennung des Preises viele WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen in einem entscheidenden Zeitpunkt ihrer frühen Karriere unterstützt und motiviert hat. In einer schriftlichen Befragung unter etwa 900 ehemaligen Preisträgern gaben etwa 75% an, dass ihnen der Preis Vorteile brachte.2 Dabei geht es nicht nur um die materielle Zuwendung sondern vor allem auch um die immaterielle Bedeutung des Preises als biografisch nachweisbares kulturelles Kapital des Schaffens von jungen Künstlern und Wissenschaftlern. Kunst- und Wissenschaftspreise für aufstrebende VertreterInnen ihres Metiers spielen somit eine entscheidende Rolle in der Verbreiterung des kulturellen Kapitals einer Gesellschaft.

Auch wenn ich selbst aus der Wissenschaft komme, war es mir immer ein Anliegen zu betonen, dass der Theodor Körner Preis ein Preis zur Förderung von herausragenden und innovativen Leistungen im Bereich der Wissenschaft UND der Kunst ist. Auf den ersten Blick mögen Wissenschaft und Kunst als getrennte Wirkungssphären erscheinen, doch gibt es ganz zentrale Gemeinsamkeiten. Diese bestehen in der Suche nach etwas Neuem, nach Innovation mit dem Versuch vorhandene Konventionen zu brechen und das Etablierte zu überkommen, um den gesellschaftlichen Fortschritt voranzutreiben. Dieser Zusammenhang wird auch von anderen großen Förderungsinstitutionen wie der Oesterreichischen Nationalbank anerkannt. Die OeNB verfolgt ja einerseits mit dem Jubiläumsfonds zur Förderung von wissenschaftlichen Arbeiten in den Fachgebieten Medizin sowie Sozial- und Geisteswissenschaften und andererseits mit dem Programm zur Sammlung wertvoller alter Streichinstrumente, die an junge österreichische Künstler verliehen werden, und zur Sammlung österreichischer Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts bereits seit Jahreszehnten einen solchen dualen Ansatz. Die OeNB gehört somit – wie auch der Theodor Körner Fonds – zum unverzichtbaren Teil der österreichischen Förderlandschaft von Wissenschaft und Kunst.

Aber heute stehen Sie, liebe Preisträgerinnen und Preisträger, im Vordergrund. Sie können sich zurecht freuen und stolz auf sich sein. Ihre Arbeiten wurden von einer hochkarätig besetzten Jury als förderungswürdig erkannt. Ich hoffe, dass der Preis, den Sie heute verliehen bekommen, Ihnen Motivation sein wird, auch in Zukunft innovative, inspirierende und zukunftsweisende aber auch kritische und ungewöhnliche wissenschaftliche und künstlerische Werke von höchster Qualität zu schaffen. Ich wünsche Ihnen für Ihre weiteren Karrieren und Ihre privaten Lebenswege nur das Beste!


1 Rathkolb, O. (2013), „Preisträger/innen 1954-2013“, Theodor Körner Fonds zur Förderung von Wissenschaft und Kunst. Mimeo.

2 Ebenda.