Festrede anlässlich der Preisverleihung des Theodor Körner Fonds 2014

Festrede von Gabriella Hauch bei der Verleihung am 30.4.2014

Sehr geehrte Festgäste, liebe Preisträgerinnen und Preisträger!

 

Im Jahre 1986 wurde ich mit einem Theodor Körner Förder-Preis ausgezeichnet – und heute stehe ich hier und habe die Ehre und Freude, die Festrede an ihrem Feiertag zu halten.

Der Preis kam für mich damals gerade recht. Es ist und war ein Preis der als Starthilfe fungiert – und das war gut und wichtig auch vor rund 30 Jahren. Ich hatte gerade als arbeitslose Jungakademikerin ein einjähriges, so genanntes Akademikertraining absolviert – eine Maßnahme des AMS -  und zwar am Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der Universität Linz. Es war ein ganz besonderes Institut! Herrschte doch dort seit seiner Gründung 1968 ein Forschungsfreiraum, der seinesgleichen suchte.

Lassen Sie mich kurz zurückblicken: ich war eine jener Studentinnen, die seit Ende der 1970er Jahre mehr oder weniger vehement von ihren Professoren in den Lehrveranstaltungen einforderten, auch explizit  etwas über Frauen und ihre Lebensverhältnisse zu erfahren. Der Geist des Feminismus folgte mir als Person und meinen beiden Diplomarbeiten mit denen ich im Herbst 1984 meine Lehramtsstudien in Geschichte und Germanistik in Salzburg abschlossen hatte. Und just zu diesem Zeitpunkt habe ich erfahren, dass das Institut an der Universität Linz, jemand für das Akademikertraining suchte, die sich mit „Frauengeschichte“ beschäftigte.

Wahrlich erstaunlich: Mitte der 1980er Jahre wurde dort Frauengeschichtsschreibung nachgefragt – also zu einem Zeitpunkt, als an anderen Universitäten in Studienkommissionen und anderen Gremien des Faches Geschichte noch heftig darum gerungen wurde, ob es überhaupt zulässig sei, Frauengeschichte zu lehren oder auch zu beforschen. Verantwortlich für diese Wissenschaftskultur als offenes Feld, in der Neues und Irritierendes willkommen war, zeichnete der Vorstand: Professor Karl R. Stadler, damals 72 Jahre alt. Erst 1968 waren er und seine Frau Gina nach langen Jahren des Exils nach Österreich zurückgekehrt. Seine etablierte Professur an der University of Nottingham hatte er aufgegeben und war Gründungsprofessor an der jungen Linzer Universität geworden.

Professor Karl R. Stadler war es, der mich ermutigt hat, mich doch für einen Theodor Körner Preis zu bewerben.

Für den damaligen Festakt und die Einladung beim Bundespräsidenten mußte ich mir ein passendes Gewand kaufen – das erste Kostüm meines Lebens… ja, liebe Festgäste, auch solche Kleinigkeiten bleiben im Gedächtnis.

Warum ich zur heutigen Festrede diesen biographischen Zugang wählte, hat aber andere Gründe:
es geht mir um die Kultur der Wissenschafts- und Kunstproduktion,
es geht mir um die Frage „welche“ Wissenschaft und
wie ist Wissenschaft zu bewerten …

Zurück zu meinem ersten „Chef“, zu Karl Stadler. Stadler steht mit seiner Biographie für ein ganz ‚spezielles Österreich‘: für die Hoffnungen und Träume der Zwischenkriegszeit, für das engagierte Eintreten gegen Faschismus und Nationalsozialismus, für die vertriebene österreichische Intelligenz und – und hier ist er eine der wenigen Ausnahmen - für die sehr späte Wiedergutmachung.

Stadler studierte hier im Haus an der Universität Wien. In den 1930er Jahren wehrte er sich mit als hinreißend überlieferten Reden mitunter aber auch mit seinen Fäusten gegen die stärker werdenden nationalsozialistischen Studenten. Die Ermordung des Philosophen Moritz Schlick 1936 und die antisemitischen Reaktionen darauf, die ihm, dem Opfer die Schuld daran gaben – ist nur das berühmteste Beispiel.

Der Hass der schlagenden Burschenschaften, durchaus auch unter der Professorenschaft zu finden, traf allerdings auch die Komilitoninnen – und dies hatte Tradition. Die Universität und die Wissenschaften sind einer jener Bereiche, die in der bürgerlichen Moderne an der Geschlechterlinie gestaltet wurden – und zwar als exklusive Männerräume.

Als 1897 die philosophische als erste Fakultät an dieser Universität ordentliche Studien für Frauen zuließ – gab es Proteste. Und auch, als sich mit der Romanistin Elise Richter, im Jahre 1906 die erste Frau habilitierte standen Burschenschafter verschiedener Coleur bereit und drohten, dies mit Gewalt zu verhindern. Allerdings es gelang ihnen nicht – der Zeitgeist wehte in eine andere Richtung. Es braucht immer eine Kombination von subjektiven kollektiven Anstrengungen und strukturellen Brüchen, damit  die Handlungsspielräume in den Fluss kommen und dass zum Beispiel unterprivilegierte Gruppen oder eben die Frauen zu ihren Rechten kamen.

In den 1920er Jahren wehte in Österreich ähnlich wie in den 1970er Jahren ein solcher Zeitgeist, der eine spezielle Wissenschaftskultur ermöglichte, die Fragestellungen entwickelte, die neu waren.
Um beim Thema zu bleiben:

Warum sind mit den Geschlechterdifferenzen verschiedene Handlungsräume verbunden;
Wie sind diese gestaltet und
Wie und warum werden mit diesen Differenzen hierarchische Machtverhältnisse transportiert?

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
diese Fragen stellt sich nicht nur die Wissenschaftsdisziplin der Frauen- und Geschlechterforschung seit Mitte der 1970er Jahre
sondern diese Fragen bewegte bereits Wissenschafterinnen in den 1920er Jahren.

Etwa Sofie Lazersfeld in ihren Arbeiten zum Beispiel „Vom häuslichen Frieden“ oder „Wie die Frau den Mann erlebt“. Oder Käthe Leichter, die Staatswissenschafterin, die seit 1925 das Frauenreferat der Wiener Arbeiterkammer leitete und mit ihren Massenuntersuchungen zu Leben und Hoffnungen von Industriearbeiterinnen oder Heimarbeiterinnen als die Mutter der deutschsprachigen Frauen- und Geschlechterforschung gilt. Die Liste könnte fortgesetzt werden.

Die Etablierung der österreichischen Diktatur des autoritären christlichen Ständestaates und der nationalsozialistischen Herrschaft bedeuteten für diese Wissenschaftskultur eine nachhaltige Zäsur. Die Universitäten und ihre Professorenschaft waren mit wenigen Ausnahmen nach 1945 die Garantie dafür, dass die Hierarchien in den Geschlechterverhältnissen als natürlich-biologische verfestigt wurden.

Dieser monolithischen Wissenschaftskultur und Wissenschaftspolitik suchte die Arbeiterkammer entgegenzutreten. Als sie in den 1950er Jahren den Theodor Körner Fonds anlässlich des 80. Geburtstages des damaligen Bundespräsidenten als ein etwas anderes Projekt schufen. Ein ähnlicher Hintergrund dürfte die Schaffung des innovativen Frauenreferates in den 1920er Jahren ermöglicht haben. Als Käthe Leichter als dessen Leiterin mit einer Position und Finanzen ausgestattet wurde, die erlaubten, neuen Forschungsansätze zu praktizieren.

Ich erhielt den Theodor Körner Förderpreis für ein Projekt, das ich „Freundschaft, Genosse Herr Doktor“ nannte. Was mich interessierte, war die Stellung von Intellektuellen in der österreichischen Sozialdemokratie und in den Gewerkschaften. Und besonders interessierte mich das Verhältnis von intellektuellen, gebildeten Frauen zu diesen ähnlich männlich wie die Universitäten geprägten sozialen Räumen, den Parteien und das Parlament.

Sie sehen, es war kein Thema des geschichtswissenschaftlichen Mainstreams für das ich ausgezeichnet wurde. Ein Faktum, das mir und den Kolleginnen und Kollegen aus der Jury auch heute sehr wichtig ist. Neben der hohen wissenschaftlichen Qualität der Einreichungen, interessiert uns auch die Originalität des Themas – und dazu gehören gerade auch Arbeiten, die den herrschenden Kanon in Frage stellen oder Modethemen zuwiderlaufen.

Diese Ansätze sind das Salz in der Wissenschaft und in der Kunst:
Sie, die Etabliertes nicht unkritisch reproduzieren und zu Widerspruch anregen.

Allerdings ist man heute zunehmend mit einer internationalen Entwicklung in der Wissenschaftskultur konfrontiert, die Standards aus Technik und Naturwissenschaften eins zu eins auf alle anderen Wissenschaften umlegen. Zeitschriftenartikel und Projektanträge werden anonymen Begutachtungen unterworfen, in denen sich so manche methodisch Andersdenkende austoben können. Zitierkartelle lösen die formals Karrieren und Lebensläufe bestimmenden Old-boys-Netzwerke ab.

Aber auch im Universitätsalltag ganz konkret: „Ich qualitätssichere nicht, ich arbeite…“ titelte ein Kommentar des Kärntner Schriftstellers Egyd Gstättner im Jänner dieses Jahres in der „Presse“. Vor lauter Tätigkeitsberichtsschreiben, vor lauter Evaluieren und Dokumentieren kommen die Menschen nicht mehr zu ihren eigentlichen Forschungen, so Gstättners Befund.

Ein Befund, den wohl viele an der Universität Beschäftigten bestätigen können – ob sie ihn nun bedauern oder gutheißen. Ein Befund, der aber gleichzeitig in seltsamen Widerspruch zu einem anderen Aspekt steht, den ich Ihnen heute an ihrem Festtag – auch aus eigener Erfahrung - mitgeben möchte:

Forschen und die daraus entstehenden Erkenntnisse weiterzugeben, also zu lehren, ist etwas Wunderbares. Genauso wie das Produzieren von Literatur, von Musik oder bildender Kunst und deren Präsentation vor einem Publikum. Denn diese Tätigkeiten sind verbunden  mit Selbstbestimmung, mit Kreativität, mit Freiheit – aber auch mit dem Risiko der Prekarität. Das ist im Kulturstaat Österreich kein Geheimnis, sondern Ergebnis von etlichen wissenschaftlichen Untersuchungen.

War es 1986 möglich mit einem Theodor-Körner Preis eine zeitlang existenziell über die Runden zu kommen und es sich damit leisten zu können, zu denken und zu lesen, ja kreativ zu sein – lautet heute der Förderweck bei nicht wenigen Einreichungen, das Preisgeld als Druckkostenzuschuss für Publikationen verwenden zu wollen. Das heißt, die budgetären Einsparungen im Bereich des Wissenschaftsministeriums bzw. das Einfrieren von Budgets bei anderen Fördereinrichtungen hat auch Auswirkungen auf die Theodor Körner – Anträge.

Das Loblied, das ich hier auf den Theodor Körner Fonds und alle seine Sponsoren anstimmen möchte, soll aber die Kritik an der staatlichen Wissenschaftspolitik nicht überstimmen – es kann nicht die Aufgabe von Fonds sein, das Defizit in der Finanzierung der Grundlagenforschung auszugleichen.

Das Loblied, das ich hier anstimme, gilt aber vor allem Ihnen, liebe Preisträgerinnen und Preisträger: die Jury hat ihre Anträge genau geprüft, mit anderen verglichen und abgewogen. Sie und ihre Arbeiten wurden ausgewählt und ausgezeichnet –
Feiern Sie diesen Tag mit ihren Lieben und freuen Sie sich!
Ganz herzliche Gratulation!