Festrede anlässlich der Preisverleihung des Theodor Körner Fonds 2015

Festrede von Vea Kaiser bei der Verleihung am 11.5.2015

Sehr geehrte Festgäste, liebe Preisträgerinnen und Preisträger!

 

Als ich vor einiger Zeit gefragt wurde, ob ich, als ehemalige Preisträgerin, die heutige Festrede halten würde, holte ich zunächst mein Tagebuch hervor und blätterte zurück in den Frühling 2011. Ich war damals 22 Jahre alt, studierte Klassische Philologie an der Uni Zürich, lebte in einem heruntergekommenen Appartement mit fünf Schweizer Burschen, war in einer unglücklichen Beziehung mit einem ziemlichen Volltrottel und wusste überhaupt nicht, was ich mit meinem Leben anstellen sollte. Mit 18 hatte ich geplant, in die Forschung zu gehen, mir jedoch mit 20 in den Kopf gesetzt, einen Roman zu schreiben, worunter der ursprüngliche Plan sehr zu leiden begann. Dass der ursprüngliche Plan aber immer noch da war und seine tägliche Zuwendung in der Form eifrigen Studiums einforderte, half dem Roman-Plan auch nicht weiter. Und zu all dem war mein Konto, laut Tagebuch, 2.546 Euro im Minus. Ich aß jeden Tag Nudeln und den Wein tranken wir aus Tetrapackerln.

Und dann öffnete ich am 28. März 2011 mein Mailprogramm und fand darin die Nachricht vor, dass mir der Doktor-Theodor-Körner-Preis zugesprochen wurde – sogar der Preis der Stadt Wien. Ich begann so sehr zu kreischen, dass mein Mitbewohner mit einem Tennisschläger bewaffnet in mein Zimmer stürmte – er dachte, der Crystal-Meth-Junkie, der unter uns wohnte, wäre im Drogenrausch in mein Zimmer eingebrochen.

Der Theodor-Körner-Preis löste zwar nicht alle meine Sorgen: er konnte weder verhindern, dass meine Bankomatkarte kurze Zeit später wieder in Streik trat, noch läuteten daraufhin dreißig Verleger bei mir an und baten mir Millionen für mein Manuskript, nein, aber er war ein ganz wichtiger Wendepunkt. Eine elementare Bestätigung. Fast ein Zeichen von den olympischen Göttern, dass der Weg, auf dem ich mich befand, der richtige war.

Was Künstler und Wissenschafter verbindet, ist die Einsamkeit. Natürlich, man kann zu jedem Zeitpunkt des Produktionsprozesses dem Mitbewohner ein Musikthema vorspielen, eine These mit einer Kollegin diskutieren, der Mama ein Stück Text zu lesen geben oder in weiterer Folge ein Verfahren mit der Professorin, einen Auszug mit dem Lektor besprechen. Aber im Kern der Arbeit, im Erfassen der Gedanken, im Formen der Worte, beim recherchierenden Lesen, beim Malen eines Bildes sind wir alleine. Da kann einem nichts und niemand helfen, das wird auch nie besser werden, die Einsamkeit wird immer ein unvermeidbarer Bestandteil der wissenschaftlichen wie künstlerischen Arbeit sein. Und manchmal genießt man dieses Sich-Herausnehmen aus dem Tagesgeschäft, diese vollkommene Hingabe zum Forschungsgegenstand oder künstlerischen Prozess, doch Ihnen muss ich nicht erzählen, wie drückend genau jene Einsamkeit manchmal sein kann: sei es, dass man um 2:56 Uhr nachts noch an der Arbeit sitzt, weil Abgabeschluss, Aufführung oder Ausstellung bedrohlich nahe ist; sei es, dass man spürt, kurz vor dem Durchbruch zu stehen und einfach nicht aufhören kann; sei es, dass man am gesamten Projekt zweifelt, mit sich selbst hadert und Angst hat, sich mit Pauken und Trompeten in eine Sackgasse zu manövrieren.

Der Theodor-Körner-Preis, den Sie heute erhalten, ist ein ganz wundervolles Remedium gegen die schweren Seiten dieser Einsamkeit. Dieser Preis sagt nicht nur: Sie haben gute Arbeit geleistet, dafür zeichnen wir Sie aus, sondern er sagt vor allem: Sie leisten jetzt gerade hervorragende Arbeit und wir glauben an Sie. Wir sind beeindruckt von dem, was Sie tun, und möchten Sie unterstützen, auf dass Sie genauso weitermachen können. Bleiben Sie dran und wachsen Sie.

So jedenfalls habe ich damals diesen Preis interpretiert. Ich sah ihn nicht als Lob für die 400 Seiten, die ich bis dahin schon geschrieben hatte, sondern als Ansporn, von nun an alle Zeit, Energie, Kraft und Konzentration in die restlichen Seiten, in die überarbeitung und den Feinschliff zu stecken. Der Theodor-Körner-Preis half mir dabei nicht nur als Motivation, sondern er verschaffte mir auch Luft. Das Foto von dem nach der Preisverleihung stattfindenden Empfang, auf dem ich dem Bundespräsidenten die Hand schüttelte, war für meine Familie eine elementare Bestätigung, dass das Mädel doch nicht nur Blödsinn macht, während sie tagelang vor ihrem Computer sitzt. Und dank der finanziellen Zuwendung redete meine Bankberaterin wieder mit mir. Dieser Preis war für meine Bankberaterin ein Zeichen gewesen, dass ich nicht nur Hirngespinste produzierte, und so gewährte sie mir einen weiteren Kredit. Ich konnte mein Buch ohne Exekutionsverfahren fertig schreiben, fand ein halbes Jahr später einen Verlag, das Buch wurde ein Bestseller, was mir ermöglichte, ein weiteres zu schreiben, und ich glaube, dass es kein Zufall ist, dass ich ausgerechnet heute vor Ihnen stehe, denn genau heute, am 11.05.2015, vier Jahre nachdem ich diesen Preis erhalten habe, erscheint mein zweiter Roman. Nicht nur deshalb ist es mir eine ganz besondere Ehre, dass ich hier zu Ihnen sprechen darf.

Meine Vorredner in den letzten Jahren haben an dieser Stelle stets einen großen Rückblick auf ihre Biographie, die Stationen ihrer Forscherlaufbahnen und die Personen, die sie prägten, unternommen.
Nun, ich hoffe, Sie verzeihen mir, wenn ich zu derlei Retrospektive aus einem einfachen Grund nicht in der Lage bin: mit 26 Jahren hat man halt doch nicht so viel, auf das man zurückblicken kann.
Stattdessen möchte ich Ihnen an dieser Stelle etwas mitgeben, Sie zu etwas aufrufen, auf das wir als kommende Generation achten müssen uns wofür wir als junge Wissenschafter und Künstler kämpfen müssen: Freiheit.

Ich bin am Freitag von einer längeren Reise durch den Iran zurückgekehrt und möchte Ihnen etwas zeigen:

Dieses kleine Stück Papier bekam ich von einem iranischen Germanisten und übersetzer, der zurzeit Elias Canettis "Die Stimmen von Marrakesch" übersetzt. Dieses kleine Stück Papier, A5, wurde dem übersetzer von der iranischen Zensurbehörde zugespielt. Es enthält keine Anschrift, keine Grußworte, keinen Absender, keinen Namen des bearbeitenden Beamten, sondern einzig und allein Seitenangaben und Stellen, die zu tilgen, Worte, die zu vermeiden, aber vor allem Passagen, ganze Seiten, die zu löschen sind. Insgesamt eine ordentliche Textmasse in Anbetracht der Tatsache, dass es sich um ein vor fünfzig Jahren erschienenes und nur 96 Seiten schlankes Büchlein handelt. Der übersetzer sagte zu mir: "Dass im Iran rigide Zensur herrscht, ist nichts Neues für dich. Und du kannst auch in Europa nichts tun, damit das besser wird. Aber nimm dir diesen Zettel als Erinnerung mit. Du bekommst solche Zettel nicht, aber nimm ihn mit als Mahnmal."

Und das gab mir sehr zu denken, vor allem während der Vorbereitung dieser Rede. Wir alle erhalten zwar in unseren Arbeiten keine Zettel von Zensurbehörden, doch wir leben in einer Zeit, in der Freiheiten, für die Generationen von uns große Kämpfe führten, massiv beschnitten werden. Das gilt bei ganz großen Themen: bei der überwachung der Bürger durch den Staat unter dem Deckmantel der "Sicherheit", beim Sammeln unserer privater Daten durch Konzerne, beim schleichenden Abbau bürgerlicher Rechte, bis zum übergriff der Gesellschaft auf den einzelnen, eigenen Körper: was muss man essen, wie oft muss man Sport treiben, wie muss man sich in einer Schwangerschaft verhalten, und bitte bloß nicht rauchen. Weder im Lokal, noch im Auto und erst recht nicht in den eigenen vier Wänden.

Genau wie wir uns als Gesellschaft gegen gewisse Tendenzen wehren müssen, müssen wir als Wissenschafter und Künstler gewisse Rechte verteidigen:

1. Im Wissenschaftsbetrieb muss die zunehmende Bürokratisierung aufgehalten werden. Es kann nicht darum gehen, mehr Zeit für Anträge, Dokumentationen und Evaluationen der Forschung aufzuwenden als für den eigentlichen Forschungsprozess. Es gilt wachsam zu sein, dass Mechanismen der „Qualitätssicherung" nicht nur Formen der Fesseln werden.

2. Ebenso braucht es eine ganz dringende Verbesserung der Arbeitsbedingungen junger Wissenschafender: der Anstieg befristeter Verträge, die unsicheren und kurzzeitigen Beschäftigungsverhältnisse dürfen nicht zu einem Verlust des Querdenkens, zu einer Benachteiligung all jener führen, die nicht im Einklang mit dem Mainstream denken. Genau dasselbe gilt auch für die Kunst. Ja, natürlich, Kunst und Wissenschaft waren seit jeher Sammelbecken für prekäre Verhältnisse, es handelt sich nunmal um Berufung wie Beruf, aber wir beobachten ein Sterben der Mittelklasse: die solide, der Arbeit entsprechende Absicherung wird immer weniger. Sowohl in der Wissenschaft als auch in der Kunst driften wir auseinander: die Erfolgreichen haben es immer leichter, während die große Masse der Prekären immer größer wird.

3. Es müssen auch beständig diejenigen unterstützt werden, die sich in Nischen versuchen. Die vielleicht nicht pausenlos in den immer gleichen großen Publikationen erscheinen, weil sie in andere Richtungen denken, forschen, publizieren. Richtungen, die aber längerfristig den gesamten Horizont erweitern. Und damit Nischen überhaupt lebendig gehalten werden, muss man gegen die Verschulung der Universitäten auftreten.

4. Ebenso halte ich es für gar nicht gesund, dass das Wissenschaftsministerium begraben und an das Wirtschaftsministerium gekoppelt wurde. Kapitalistische Interessen stehen oft der Wissenschaft diametral entgegen. Was übrigens für die Kunst genauso gilt. Mir graut davor, dass der größte österreichische Literaturpreis von einem Glücksspielkonzern gesponsert wird, dass der Nestlé-Konzern ein Vielfaches für die Erforschung hypoallergener Babymilch ausgibt als der Staat österreich für das gesamte Hochschulwesen. Wissenschaft und Kunst brauchen die Freiheit, sich in alle Richtungen bewegen zu können und nicht an die Interessen ihrer Geldgeber gebunden zu sein.

Ich glaube, um die Freiheit für Künstler und Wissenschafter dauerhaft bewahren und stärken zu können, braucht es nicht nur die Politik, sondern vor allem die Gesellschaft. Wir brauchen eine Gesellschaft, die Kunst und Wissenschaft schätzt wie unterstützt, und um das zu gewährleisten, müssen besonders wir jungen Künstler und Wissenschafter aufpassen, uns nicht in den sogenannten Elfenbeinturm zurückzuziehen, sondern beständig im Dialog mit der öffentlichkeit zu bleiben. Wir müssen kommunizieren, was wir tun. Gesellschaftspolitisches Engagement verfolgen. Und, das liegt mir selbst ganz besonders am Herzen: die Schulen nicht vernachlässigen. Wie es um unser Bildungssystem steht, brauche ich Ihnen ja nicht zu erzählen. Besonders in diesen Tagen erleben wir diesen neuen Tiefpunkt namens Zentralmatura. Und besonders vor diesem Hintergrund halte ich es für unausweichlich, dass wir, als junge Wissenschafter und Künstler, die noch in der Lage sind, wie Schüler zu denken und deren Sprache noch nicht verlernt haben, gerade die ganz jungen Menschen immer wieder abholen, ihnen vermitteln, was Wissenschaft und Kunst zu leisten vermögen, damit sie uns dauerhaft unterstützen, dauerhaft unsere Verbündenden sind und vor allem: unser eigener Nachwuchs.

Um Sie, meine lieben Preisträgerinnen und Preisträger, mache ich mir keine Sorgen. Sie haben mit Ihren Arbeiten gezeigt, dass Sie ganz wichtige und wunderbare Impulse für die Zukunft der Wissenschaft und Kunst in diesem Land, in Europa, in unserer großen weiten Welt setzen können. Wenn Sie nun alle auch nie vergessen, wie wichtig der Kampf um die Freiheit und der Dialog mit der Gesellschaft sind, dann mach ich mir um die Zukunft generell keine Sorgen.

Aber all das kann ausnahmsweise bis morgen warten: heute bitte ich Sie, einfach mal stolz zu sein auf sich. Durchzuschnaufen und sich zu freuen. Ich jedenfalls freue mich sehr über Ihre Arbeiten, freue mich sehr für Sie, gratuliere Ihnen aufs Allerherzlichste und wünsche Ihnen alles, alles Gute für Ihren weiteren Lebensweg.

(c) Vea Kaiser, Mai 2015.