Festrede anlässlich der Preisverleihung des Theodor Körner Fonds 2016

Festrede von Univ.-Prof. Dr. Michael John am 26. April 2016

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Preisträger und Preisträgerinnen!

 

Zwei Mal war ich selbst Preisträger, 1989 habe ich wohl zum ersten Mal eine Bewerbung  eingereicht,  den  Preis  dann  1990  erhalten.  Das  Thema  lautete „Arisierung“  in  Oberösterreich,  Enteignung  und  Entwendung  des  jüdischen Eigentums.  Es  war  damals  keine  Selbstverständlichkeit  dieses  Thema  zu beforschen, ich war in meinem Bundesland der Erste, der vollen Aktenzugang erhielt.  Der  Theodor  Körner  Preis  war  für  mich  damals  wichtig,  um  mit bestimmten Forschungen beginnen zu können, war finanziell wichtig für mich, aber  auch  im  Sinne  wissenschaftlicher  Autonomie,  im  Sinne  einer selbstbestimmten Themenwahl. Und das ist bis heute so geblieben, der Theodor Körner  Preis  für  Kunst  und  Wissenschaft  trägt  dazu  bei,  selbstbestimmte wissenschaftliche und künstlerische Arbeit zu fördern.
 
Nach dieser kurzen Einlassung lassen Sie sich von mir zu einer kleinen Reise entführen,  kommen Sie mit auf eine Zeitreise nach Oberösterreich in die Jahre 1945ff., also in die Jahre unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg – ich werde dabei aber auch die Situation in  ganz Mitteleuropa ansprechen, und auch die groben  Linien,  die  Eckpunkte  der  Entwicklung  erörtern.  Der  Titel  meines Festvortrags  lautet: 
Zur  Machbarkeit  der  Dinge.  Das  Flüchtlingswesen  in
Nachkriegsösterreich


In  Oberösterreich  trafen  1945  beide  Fronten  –  von  Osten  die  sowjetischen Verbände kommend, von Westen und Norden die US-Amerikaner – aufeinander und es wurden die Insassen der NS-Konzentrationslager und die Zwangsarbeiter befreit;  aus  dem  Norden  strömten  ebenfalls  viele  Flüchtlinge.  Schließlich blieben in Oberösterreich und Flüchtlinge „stecken“, sie konnten sich selbsttätig nicht  mehr  weiter  bewegen.  Ab  1946  bot  die  US-Zone  schließlich,  der  Zeit entsprechend,  vergleichsweise  akzeptable  Bedingungen  für  Flüchtlinge. Deswegen war das Land Oberösterreich südlich der Donau mit besonders vielen „versetzten Personen“ konfrontiert.  In den ersten Nachkriegsjahren  lebten hier 30  %  aller  Flüchtlinge,  die  insgesamt  nach  Österreich  gekommen  waren; (Apropos „stecken bleiben“ - bei einer Zählung im Jahre 1954 in Vorbereitung auf das Optionsgesetz zeigte sich, dass 56 % aller als Flüchtlinge, Vertriebenen oder Displaced Persons bezeichneten Personen in Österreich in Oberösterreich lebten).   Speziell der Raum Linz war eine mit Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern  überfüllte  Agglomeration.  Etwa  ein  Viertel  der  Stadtbewohner  setzte sich aus verschleppten, vertriebenen oder geflüchteten Personen zusammen, die Spitzenwerte lagen bei rund 30 % Anteil an der Stadtbevölkerung (Linz südlich der  Donau).  Um  die  Dramatik  der  Situation  zu  verdeutlichen:  Knapp  nach Kriegsende    lebten  im  Land  Oberösterreich  etwas  mehr  als  750.000 Oberösterreicher  und  Oberösterreicherinnen  –  viele  Menschen,  insbesondere  Wehrmachtssoldaten, waren noch außerhalb des Landes. Und – wenngleich sehr kurzfristig  –  ebenso  viele  „Landfremde“,  bestehend  aus  Flüchtlingen, ehemaligen  Zwangsarbeitern,  verschleppten  und  befreiten  Personen,  während der NS-Jahre Zugewanderte und dazu kamen noch die Besatzungstruppen. Die Stadt befand sich in einem katastrophalen Zustand. Infolge des Bombenkriegs waren 14.000 Wohnungen zu Kriegsende zerbombt oder schwer beschädigt. Die Linzer Straßen waren an 800 Stellen zerstört, die Straßenkanäle an 330 Stellen, die  Straßenwasserleitungen  an  626,  die  Gasleitungen  an  858  und  die Starkstromleitungen  an  3.093  Stellen.  Befreite  aus  den  Konzentrations-  und Zwangsarbeiterlagern mussten untergebracht und versorgt werden und dann die vielen,  vielen  Vertriebenen  und  Flüchtlinge.  Repatriierungen,  Rückführungen und Weitertransporte setzten zwar relativ rasch ein. Dennoch mussten tausende Flüchtlinge  in  den  Wintermonaten  1945/46  Wochen-  oder  Monate  lang  in Güterwaggons leben. Die so genannte „einheimische“ Bevölkerung war damals nach sieben Jahren Nationalsozialismus und fast sechs Jahren Krieg körperlich und psychisch „ausgepowert“, so kann man es wohl ausdrücken.
 
Ein neuer Begriff machte damals die Runde, „Displaced Persons“: Wer waren nun  diese  „Displaced  Persons“,  die  in  der  Abkürzung  häufig  als  „DiPis“ bezeichnet wurden? Die US-Bürokratie verwendete den Begriff zunächst ohne Wertung,  er  bezeichnete  „versetzte“  Personen  und  wurde  sowohl  von  den Alliierten als auch von den österreichischen Behörden verwendet. Der Begriff summierte  verschiedene  Gruppen.  Als  größte  Gruppe  in  der  US-Zone (Oberösterreich  südlich  der  Donau,  Salzburg,  Teile  Wiens)  wären  die sogenannten  „Allied  Displaced  Persons“  (Alliierte  D.P.s)  zu  benennen,  die 1945/46  rund  230.000  Personen  umfasste.  Es  handelte  sich  in  den  meisten Fällen um Flüchtlinge, ehemalige Zwangsarbeiter, 80.000 befreite Insassen der Konzentrationslager,  darunter  viele  Juden.  Simon  Wiesenthal  war  wohl  der bekannteste jüdische D.P. in Österreich, er lebte von 1945 bis 1961 in Linz. Die in  Linz  gelegenen  jüdischen  D.P.-Lager  Bindermichl,  und  Ebelsberg  waren weithin  bekannt.  Zu  den  Befreiten  kamen  in  der  Folge  viele  aus  Osteuropa geflüchtete  oder  ausgewanderte  Juden,  die  weiter  nach  Palästina  oder Nordamerika  wollten.  In  Österreich  waren  diese  Flüchtlinge  damals  mitunter einem starken Antisemitismus ausgesetzt. Seitens der einheimischen, aber auch seitens der jüdischen Bevölkerung wurde die „Ungleichheit“ stark betont, von österreichischer  Seite  eine  wirtschaftliche  und  soziale  Ungleichheit,  von jüdischer  Seite  die mentale  und  ethnisch-religiöse    Ungleichheit  und  auch die Ungleichheit von Tätern und Opfern. Nach der Gründung des Staates Israel im Jahr  1948, verstärkte  sich  die  Ausreise  der  jüdischen Flüchtlinge  aus der  US-Zone nach Israel, aber auch in die USA und in andere Länder.

Die „Enemy and Ex-Enemy-D.P.s“ (Ex-Enemies = [ehemalige] Feinde) stellten die  zweite  große  Kategorie  dar.  Sie  bestand  aus  den  Angehörigen  ehemaliger Feindstaaten der Alliierten und zwar aus a) den sog. „Volksdeutschen“, aus Ost-  Mitteleuropa umgesiedelten, vertriebenen oder geflüchteten Deutschsprachigen, b)  den  „Reichsdeutschen“  aus  Deutschland  und  c)  Staatsangehörigen  aus Bulgarien,  Ungarn  und  Rumänien.  Als  weitere  Kategorie  findet  man  die „Neutral D.P.s“ (neutrale, indifferente D.P.s).  
 
Ab  August  1945,  als  die  sowjetische  Armee  nach  Urfahr  (Linz  nördlich  der Donau) und in das Mühlviertel einrückte, war das D.P.-Problem ausschließlich ein solches der amerikanischen Zone, also des Landes südlich der Donau. Die nördlich  der  Donau  lebenden  Flüchtlinge  und  D.P.s  hatten  versucht  über  die Donau  zu  gelangen,  andernfalls  wurden  sie  repatriiert  oder  sonstwie untergebracht. Von sowjetischer Seite wurden keine Displaced Persons versorgt. Im  Süden  von  Linz,  in  Kleinmünchen  und  Ebelsberg  lag  der  Flüchtlings-, Ausländer- und Staatenlosenanteil bei mehr als einem Drittel der Bevölkerung, ging in Richtung 40 %.

Die sogenannten Volksdeutschen stellten die größte Gruppe der D.P.s dar,  sie wurde  im  Gegensatz  zu  den  jüdischen  D.P.s  und  den  ehemaligen  Zwangs-arbeitern und -arbeiterinnen nicht von der UN-Organisation U.N.R.R.A. (United Nations  Relief  and  Rehabilitation  Administration),  später  I.R.O.  (International Refugee  Organisation),  sondern  vom  Amt  für  Umsiedlung  der Oberösterreichischen Landesregierung betreut. Neben der Hilfe der öffentlichen Hand  unterstützten  auch  kirchliche  Organisationen  wie  die  Caritas  sowie ausländische  Hilfsorganisationen,  beispielsweise  aus  den  USA  oder  aus Schweden die Flüchtlinge und Vertriebenen.
 
Unter den sogenannten „Volksdeutschen“, eigentlich ein völkischer Begriff, der aber flächendeckend eingeführt und verwendet wurde und wird, verstand  man Flüchtlinge  und  Vertriebene  aus  den  deutschsprachigen  Regionen  und Gemeinden Ostmitteleuropas (im Wesentlichen aus der Tschechoslowakei, aus Polen,  Ungarn,  Jugoslawien  und  Rumänien).  Oft  waren  diese  Menschen  aber nicht rein deutschsprachig. Aus verschiedenen Gründen befanden sich 1945 sehr viele  sogenannte  Volksdeutsche  in  Oberösterreich  südlich  der  Donau.  Die Aufnahme  dieser  Bevölkerungsgruppe  war  anfangs  umstritten:  Der  Magistrat Linz  schlug  Mitte  September  1945  nur  die  Aufnahme  der  aus  Südtirol, Südböhmen  und  Südmähren  stammenden  Personen  vor,  die  anderen Vertriebenen  sollten  die  Stadt  wieder  verlassen.  Im  Jänner  1946  kam  die Anweisung der Alliierten Kontrollkommission für den Beginn des Abtransports der sogenannten Reichs- und Volksdeutschen in Österreich nach Deutschland. Landeshauptmann Heinrich Gleißner hatte sich dann aber entschlossen massiv zu  intervenieren,  um  eine  möglichst  große  Zahl  der  Vertriebenen  in  der oberösterreichischen  Wirtschaft  zu  halten.  Innerhalb  von  vier  Tagen  änderte daraufhin die Militärregierung den Umsiedlungsbefehl.

Auch der Linzer Bürgermeister Ernst Koref hatte sich in der Folge – auch auf individueller  Ebene  –  stets  für  die  Anliegen  der  „Volksdeutschen“,  besonders aber der „Sudetendeutschen“ (ein Sammelbegriff für aus Böhmen und Mähren stammende  Vertriebene)  eingesetzt.  Dies  galt  auch  für  eine  Reihe  anderer Politiker,  diese  Vorgangsweise  war  damals  mehrheitsfähig:  In  einer Meinungsumfrage  aus  dem  Jahr  1948  hatten  in  Linz  74  %  der  Befragten angegeben,  dass  die  einheimische  Bevölkerung  gut  mit  den  „volksdeutschen“ Flüchtlingen auskäme, nur 7,5 % verneinten dies. Tatsächlich, viele Vertriebene hatten sich damals im Raum Linz angesiedelt. Viele „Volksdeutsche“ waren im Laufe der Zeit aber auch aus- oder abgewandert, in die USA, nach Deutschland, Kanada,  Frankreich,  Schweden  und  in  andere  Länder.  Die  meisten „volksdeutschen“ D.P.s sind dennoch im Raum Linz geblieben.  
 
Schwierig gestaltete sich die Frage der Unterbringung. Und da zeigt es sich, dass alles doch nicht so einfach war. Noch 1958 wurden in Linz, vornehmlich südlich der Donau, 11.800 Personen in Baracken gezählt. Es sollte also länger dauern, bis dieses Erbe der unmittelbaren Nachkriegszeit beseitigt war. Die Soziologin Brunhilde Scheuringer, erzählt in ihrer großangelegten Studie zur Integration der deutschsprachigen  Vertriebenen  in  Österreich  eine  kleine  Geschichte:  Es ereignete sich in den 1970er Jahren, sie hatte tausende Fragebogen ausgeschickt, mit Fragen zur Aufnahme in Österreich, als ein Fragebogen 1 ½ Jahre nach der Aussendung eintrudelte. Der Absender entschuldigte sich, meinte aber, mehr als 20  Jahre  habe  niemand  nach  seiner  Integration  gefragt, da  spielten  1  ½  Jahre auch keine Rolle. In der Studie Scheuringers zeigte sich, dass es viele Familien erst in der zweiten Generation geschafft hatten hier wirklich festen Boden unter ihren Füßen zu fassen, nach allem was sie hinter sich hatten. Es waren damals auch viele Vertriebene – vielleicht die südböhmischen etwas weniger, jene, die aus dem Banat und der Batschka kamen deutlich stärker – in den Jahren ab 1945 vorerst mit Fremdenfeindlichkeit und mit Ablehnung konfrontiert.

Eine  jener  Personen,  die  1958  noch  in  der  Baracke  lebten,  war  Dorothea  G. geboren 1942 in Borovo nahe Vukovar, Kroatien. Sie sollte erst um 1960 aus der Lagerumgebung herauskommen. Nach Linz gelangte sie mit einer jugendlichen Anführerin,  die  eine  Gruppe  von  volksdeutschen  Kindern  unbeschadet  aus  der sowjetischen Zone über die Nibelungenbrücke auf den Hauptplatz brachte. Dort traf  sie  dann  später  auf  ihre  Eltern.  Tatsächlich  gibt  es  einen  schriftlichen Ausweisungsbefehl  des  Bürgermeisters  von  Putzleinsdorf,  einer  kleinen Gemeinde des Mühlviertels an die Familie des Mädchens vom 17. August 1945, der die Formulierung enthält: „Ich bringe Ihnen zur Kenntnis, dass Sie nächste Woche die Heimreise nach Jugoslavien anzutreten haben…..Aus den Reihen der jugoslavischen Flüchtlinge hat sich ein Transportführer zu melden, der heute noch beim Gemeindeamt nähere Anweisungen enthält.“ Es kam nicht dazu, die Familie gelangte durch damals illegale Grenzübertritte in die US-Zone.

Dorothea  G.,  genannt  Thea,  lebt  heute  noch  in  Linz,  in  einem  privaten Reflexionstext erinnert sie sich: „Nach einigen Zwischenstationen landeten wir in ‚unserem‘  Lager,  das  uns  von  nun  an  14  Jahre  lang  beherbergen  sollte.  In  der ersten  Zeit  in  Linz-Ebelsberg  stand  uns  nur  ein  25  m 2   großes  Zimmer  zur Verfügung. Vor dem Fenster errichtete mein Vater, der kurz nach Kriegsende zu uns  gefunden  hatte,  später  eine  Art  Stall,  in  dem  wir  Hühner,  Hasen  und  für meinen  Bruder  ein  Meerschweinchen  hielten.…..Die  Beengtheit  unserer Wohnverhältnisse,  das  langsam  erwachende  Bewusstsein,  ein  „Flüchtlingskind“ zu  sein,  prägten  mich,  ich  empfand  mich  als  Mensch  ‚3.  Klasse‘.  Ich  war  oft traurig  und  bedrückt,  aber  es  gab  auch  zur  Abwechslung  viele  Zeiten  der Fröhlichkeit und Unbeschwertheit......Meine Mutter verwendete den weißen Stoff, in  den  die  Care-Pakete  eingenäht  waren,  um  einen  Erstkommunionanzug  für meinen  Bruder  zu  nähen....Ich  könnte  viele  Geschichten  erzählen,  die  allesamt von  Improvisierung,  Optimismus  und  hoffnungsvollem  Lebensmut  zeugen.  Ob ich ein glückliches Kind war? Einerseits ja, weil ich eine Familie hatte und wir Kinder nicht hungern mussten.“1

„Andererseits“, fährt sie in ihrem Erinnerungstext fort, „war ich aber auch kein glückliches  Kind,  denn  irgendwie  spürte  ich  den  Unterschied  zu  meinen Mitschülern,  die  fast  alle  in  einem  ‚ordentlichen‘  Heim  wohnten  und  nicht  in einer Baracke. Die so manches besaßen, was für uns reiner Luxus war……Meine Eltern sprachen stets von ‚Zuhause‘, wenn sie Jugoslawien meinten. Ich spürte ihre  stille  Verzweiflung,  wie  denn  alles  weitergehen  sollte.  Ich  erlebte  ihr Bemühen,  es  irgendwie  zu  schaffen,  obwohl  sie  anfangs  arbeitslos,  mittellos, manchmal  hoffnungslos  und  letztendlich  heimatlos  waren.....“  Viele  im  Lager waren  übrigens  nach  Theas  Erinnerung  zwei-  oder  dreisprachig,  wie  sie  selbst (mit ihrer Mutter sprach sie Kroatisch). Jene, die in die USA auswandern wollten, büffelten nebenbei Englisch.
 
Thea  versucht  ihre  damalige  Befindlichkeit  in  Worte  zu  fassen:  „Ein  diffuses Gefühl eines ständigen Mangels begleitete mich damals. Zu viele kleine Traumata setzten mir zu, für die ich keinen passenden, zusammenfassenden Ausdruck habe. Kamen sie von außen, durch mein Umfeld? Oder sind sie in mir selbst entstanden, durch  meine  Reaktion  darauf?  Hat  mir  je  einmal  jemand  gesagt,  dass  ich minderwertig bin? Ich glaube nicht, aber an mancher Reaktion merkte ich mein Anderssein. Trotz verständnisvoller Lehrer und meinem sagenhaften Fleiß wuchs in  mir  das  Gefühl,  den  Anforderungen  nicht  gewachsen  zu  sein.....Ich  wollte einfach  ‚dazu  gehören‘,  kein  entwurzeltes  Flüchtlingskind  mehr  sein,  den Unterschied nicht merken lassen. Als wir 1956 die Staatsbürgerschaft bekamen und  das  ‚Staatenlose‘  in  unserem  Leben  ein  offizielles  Ende  nahm,  als  unsere Adresse nicht mehr ‚Lager 43a‘, sondern ‚Florianerstraße 7‘ lautete, obwohl wir noch immer im selben Lager wohnten, aber für nicht Eingeweihte klang es nicht danach. Als ich Freunde fand, die mich nahmen wie ich war, da begannen meine Wurzeln zu wachsen. Und ich merkte auch, dass wir nicht ärmer waren als die meisten  anderen  Einheimischen.“  Die  Familie  fand  in  der  Folge  aus  der Lagergesellschaft  in  Linz-Süd  heraus,  verließ  den  geographischen  Raum  aber nicht.  1963  schloss  Dorothea  ihre  Ausbildung  als  Diplomkrankenschwester  ab, lernte dann ihren späteren Gatten kennen, der aus einer volksdeutschen Familie aus der Vojvodina (Serbien) stammte. Das Ehepaar hat drei Kinder und lebt nach wie vor in Linz-Süd.

Trotz  aller  Schwierigkeiten  und  Anfeindungen  lässt  sich  festhalten:  Im wesentlichen  war  das  Flüchtlingsproblem  als  tatsächlich  existierendes  Problem 1954  bis  1956  abgeschlossen,  fast  alle  ehemaligen  Flüchtlinge  bzw. Verschleppten (die ehemaligen D.P.s also) hatten mittlerweile die österreichische Staatsbürgerschaft  inne.  Dies  betraf  sowohl  die  großen  Communities  der „Volksdeutschen“ als auch die ehemaligen jüdischen D.P.s (Simon  Wiesenthal, Anna  Altman  [ehemalige  IKG  Vizepräsidentin]  und  andere),  als  auch ursprünglich  nicht-deutschsprachige,  vornehmlich  ungarische  Flüchtlinge. Insgesamt  wurden  hunderttausende  Flüchtlinge  länger  oder  kürzer  in Oberösterreich  beherbergt.  Mehr  als  100.000  Personen  sind  dauerhaft  in Oberösterreich  verblieben  und,  im  Prinzip,  binnen  zehn  Jahren  „integriert“ worden,  sind  in  diesem  Sinne  „gleicher“  geworden  in  Richtung  einheimischer Gesellschaft,  und  dies  in  Zeiten  großer  Armut,  knapper  Ressourcen  und nachhaltiger  seelischer  und  körperlicher  Belastungen,  in  ganz  Österreich  betraf dies mehr als 350.000 Personen. Trotz noch immer knapper Ressourcen, waren die Ungarn-Flüchtlinge von 1956/57 in der Folge ebenfalls in Österreich positiv aufgenommen worden, die Lagereinrichtungen bestanden zum Großteil noch.
 
Noch  ein  Blick  auf  die  gesamte  Dimension  des  Vorgangs:  In  den  Ländern Deutschland  und  Österreich  befanden  sich  im  Jahrfünft  1945  bis  1950  nahezu zwölf    Millionen  „Displaced  Persons“  („versetzte  Personen“),  Flüchtlinge, Vertriebene,  oder  sonstwie  dislozierte  Menschen.  Rund  zwei  Millionen  sind damals  aus  bzw.  über  Mitteleuropa  ausgewandert.  [Zur  Dimension  heute:  es befinden  sich  zur  Zeit  rund 1,5  Millionen Menschen im  Zuge  der  sogenannten Flüchtlingskrise in ganz Europa, großteils aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und anderen  Ländern  stammend].  Letztendlich  war  es  den  Menschen  damals,  nach dem Krieg, mit US-amerikanischer, aber auch europäischer Hilfe gelungen, die Situation zu meistern, Frankreich hat übrigens mehr als 10.000 Donauschwaben, zum Teil haben sie sich in Oberösterreich befunden, aufgenommen und im Elsass platziert (dies war damals auch keine Selbstverständlichkeit). Letztlich  hat man diese riesigen Bevölkerungsverschiebungen in einem überschaubaren Zeitrahmen in den Griff bekommen. In Österreich war das Optionsgesetz vom 8. August 1954 das  entscheidende  Instrument.  Es  trat  1955  in  Kraft  und  ermöglichte  mit  einer einfachen  Loyalitätserklärung  österreichischer  Staatsbürger,  österreichischeStaatsbürgerin  zu  werden.  Ich  spreche  hier  nicht  von  den  seelischen,  den psychischen  Folgen  der  Geschehnisse  mit  denen  Überlebende,  Flüchtlinge, Vertriebene  und  andere  Dislozierte  konfrontiert  waren,  sondern  vom Funktionieren  der  Gesellschaft  und  der  Einbeziehung  der  Massen  ehemaliger D.P.s in dieselbe. Dieser Prozess war binnen zehn, zwölf Jahren abgeschlossen worden.
 
Michael John, 26.4.2016

 

1 ... Zit. nach Michael John, Vom nationalen Hort zur postmodernen City. Zur Migrations- und Identitätsgeschichte der Stadt  Linz  im  20.  Und  21.  Jahrhundert,  Linz  2015,  183f.  Dies  betrifft  diese  und  alle  weiteren  Passagen  des  angeführten   Erinnerungstexts.
 
Michael John