Festrede anlässlich der Preisverleihung des Theodor Körner Fonds 2017

Festrede von Doz.in Dr.in Margit Reiter am 14. Juni 2017

Sehr geehrte Damen und Herren! Sehr geehrte Festgäste! Liebe Preisträgerinnen und Preisträger!

 

Ich freue mich außerordentlich – und es ist mir eine große Ehre – heute als ehemalige Preisträgerin des Theodor-Körner-Preises die Festrede halten zu können.

Als ich 2005, vor nunmehr 12 Jahren, den Theodor Körner Preis zuerkannt bekam, kam er gerade zur rechten Zeit. Ich arbeitete als freie Wissenschafterin an einer Habilitation, die schon sehr weit vorangeschritten war, da ich zuvor ein IFK-Junior Fellowship und ein zweijähriges Charlotte-Bühler-Habilitationsstipendium erhalten hatte, das aber nun zu Ende gegangen war. Die existentielle Absicherung eines weiteren Jahres, das ich zum Abschließen meiner Habilitation noch brauchte, war sehr schwierig: Wer finanziert schon ein halbfertiges Projekt und noch dazu einer Wissenschafterin, die aufgrund ihres Alters (ich war etwas über vierzig) nicht mehr in die Nachwuchsförderung fällt?
Inhaltlich habe ich damals über die Tradierung des Nationalsozialismus in den österreichischen Nachkriegsfamilien und den Verarbeitungen des familiären NS-Erbes bei den „Kindern der Täter“ gearbeitet – ein bisher in Österreich vernachlässigtes Forschungsfeld, aus dem – so mein Ehrgeiz – unbedingt ein Buch hervorgehen sollte, das aufgrund des zu erwartenden Interesses auch über den engen akademischen Bereich hinaus gelesen werden sollte. Nicht zuletzt durch die Zuerkennung des Theodor-Körner-Preises in diesem beruflich nicht leichten Jahr ist es mir schließlich gelungen, mein ambitioniertes Ziel zu erreichen: 2006 habe ich sowohl die umfangreiche Habilitation abgeschlossen als auch gleichzeitig mein Buch „Die Generation danach“ veröffentlicht. Der Preis war zwar ein kleiner, aber sehr wichtiger Baustein zu diesem Erfolg und dafür bin ich heute noch dankbar.

Warum erzähle ich Ihnen das? Zum einen, um zu veranschaulichen, wie wichtig so ein Preis in bestimmten beruflichen Situationen sein kann und zum anderen, um mich für die dem Theodor-Körner-Preis zugrundeliegenden Vergabekriterien stark zu machen: Als einer der wenigen mir bekannten Preise für Wissenschaft und Kunst wird er für noch nicht fertiggestellte, d.h. noch in Arbeit befindliche Arbeiten verliehen. Es handelt sich gewissermaßen um einen Vertrauensvorschuss und viele Preisträger und Preisträgerinnen haben sich – das bestätigt ein Blick auf die lange PreisträgerInnenliste – dieses Vertrauens für würdig erwiesen, indem sie ihre Arbeiten erfolgreich abgeschlossen und weiter wissenschaftlich und künstlerisch tätig geblieben sind. Außerdem gibt es beim Körner-Preis zwar eine Altersgrenze, diese wird aber glücklicherweise nicht ganz so strikt gehandhabt, sondern fallweise dem individuellen Lebens- und Karriereverlauf angepasst. Dies erscheint mir angesichts der oft prekären Situation von jungen, aber auch von etwas „älteren“ WissenschafterInnen und KünstlerInnen sehr wichtig und ich möchte daher die Stifter und die Jury des Preises an dieser Stelle ermutigen, diese Auswahl- und Vergabepraxis auch künftig beizubehalten.

Wie es meiner Profession als Historikerin eigen ist, möchte ich einen kurzen Rückblick auf die Geschichte des Theodor-Körner-Preises der letzten Jahrzehnte vornehmen.
Der Theodor-Körner Preis wurde 1954 gegründet, für österreichische Verhältnisse bereits sehr früh, noch nicht einmal zehn Jahre nach Ende des Nationalsozialismus und am Beginn der Zweiten Republik. Ich arbeite derzeit an einem Projekt über die unmittelbare Nachkriegszeit und gehe dabei den Fragen nach, ob und wie sich ehemalige NationalsozialistInnen in die demokratische Gesellschaft der Zweiten Republik (re)integriert haben, welche personellen und ideologischen Kontinuitäten, aber auch welche Anpassungsprozesse und Brüche es in Österreich nach 1945 gab. Es geht also um den Transformationsprozess am Übergang von einer Diktatur zu einer Demokratie, oder – wie es der Titel meines derzeitigen Seminars am Institut für Zeitgeschichte auf den Punkt bringt – um die Frage: „Wie wird man Demokrat?“ Die Förderung einer offenen und kritischen Wissenschaft und Kunst gehörte zweifellos zu einer zentralen demokratiepolitischen Aufgabe der damaligen Zeit und war vermutlich auch einer der Grundgedanken des Theodor-Körner-Preises, der über Jahrzehnte hinweg durch die Preisvergaben umgesetzt wurde.

Ein Blick auf die lange Liste von bisher vergebenen Theodor-Körner-Preisen zeigt eine große Heterogenität, sowohl was die ausgezeichneten Preisträger und Preisträgerinnen als auch die Bandbreite ihrer Arbeiten betrifft. Aufgefallen ist mir, dass von Beginn an auch Frauen darunter waren, sehr wenige zwar in den ersten Jahren, aber im Laufe der Jahrzehnte sind es erfreulicherweise sehr viele mehr geworden. Die Zunahme an produktiven und kreativen Wissenschafterinnen und Künstlerinnen einerseits und an Arbeiten mit frauen- bzw. geschlechterspezifischen Themen andererseits sehe ich als Spiegelbild einer allgemeinen Tendenz in der Wissenschaft und Kunst, die als positiv zu bewerten ist.

Es gibt im Laufe der Zeit in jedem Fachgebiet bestimmte Themenkonjunkturen und Trends, die Rückschlüsse auf die jeweilige politische und gesellschaftliche Situation und den vorherrschenden Bewusstseinsstand zulassen. Ich möchte dies am Beispiel der Geistes- und Sozialwissenschaften und hier insbesondere im (zeit)historischen Forschungsfeld, in dem ich mich bewege und das mir daher am vertrautesten ist, exemplarisch aufzeigen.
Die Themenkonjunkturen in der österreichischen Zeitgeschichte bilden sich auch in der Liste der ausgezeichneten Arbeiten ab: In den ersten Jahrzehnten gab es – trotz oder wohl eher gerade wegen der zeitlichen und emotionalen Nähe zur NS-Vergangenheit – noch fast keine Arbeiten zum Nationalsozialismus, vielmehr überwogen bis weit in die 1970er Jahre hinein die stark auf eine positive Identifikation ausgerichtete Arbeitergeschichtsschreibung und Arbeiten zum Widerstand, den man zu Recht wieder stärker ins Zentrum rücken wollte. Erst Ende der 1980er Jahre, als Konsequenz aus den vergangenheitspolitischen Debatten um Waldheim und dem „Bedenkjahr“ 1988, finden sich unter den ausgezeichneten Arbeiten auch solche zu jüdischen Themen, zu Vertreibung und Exil, den „Arisierungen“ und zunehmend auch Arbeiten im Bereich der Täterforschung und der Gedächtnisforschung. Aber – und das ist interessant – trotz dieser ablesbaren Forschungstrends, lassen sich immer wieder auch bemerkenswerte Abweichungen davon feststellen, das heißt: Man stößt auf Themen, die keineswegs „en vogue“ waren, sondern vielmehr außerhalb des Mainstream-Diskurses anzusiedeln sind. So entdeckte ich bereits in den 1950er und 1960er Jahren vereinzelte Arbeiten zu Antisemitismus, was insofern bemerkenswert ist, als Antisemitismus ein Thema war, das damals so gar nicht auf der Tagesordnung stand und das doch von der Jury als wichtig und als preiswürdig befunden wurde.
In diesem Zusammenhang kann ich – als Antisemitismusforscherin – nicht umhin, kurz auf eine umstrittene und viel zitierte Aussage des Namensgebers dieses Preises, Theodor Körner, einzugehen. Nach 1945 kam es wiederholt zu antisemitischen Vorfällen und Äußerungen, sowohl in der breiten Bevölkerung als auch in Teilen der politischen Elite. Als darüber 1947 in amerikanischen Medien (zugegebenermaßen stark übertriebene) Berichte erschienen, sah sich der damalige Bürgermeister von Wien Theodor Körner veranlasst, diese Vorwürfe in österreichpatriotischer Manier kategorisch abzuwehren. Körner sprach in diesem Zusammenhang von einem „Märchen des Antisemitismus“ und meinte, dass an diesen „Schauergeschichten selbstverständlich kein Wort wahr“ (sei), denn – so wörtlich – „der Wiener (sei) Weltbürger und daher von vornherein kein Antisemit“ (Wiener Zeitung, 9.2.1947). Eine solche Aussage entbehrte vor dem Hintergrund der schrecklichen Ereignisse von 1938, aber auch dem durchaus präsenten Antisemitismus nach 1945 natürlich jeder Grundlage und ist lediglich mit dem zeittypischen Abwehr- und Verteidigungsreflex sowie einem eklatanten Mangel an historischer Sensibilität zu erklären. Die Sensibilität punkto Antisemitismus ist mittlerweile gewachsen, er ist zwar nicht gänzlich verschwunden (wie sich vor kurzem hier an der Universität am Beispiel antisemitischer Agitationen rechter Studentenvertreter am Juridicum gezeigt hat); aber Antisemitismus ist doch schwächer geworden und zu Recht politisch stark geächtet. Und der Wiener/die Wienerin sind mittlerweile vielleicht tatsächlich etwas mehr zu „Weltbürgern“ geworden, weil auch die Stadt Wien inzwischen multikultureller, internationaler und damit auch weltoffener geworden ist – nicht zuletzt und besonders auch im akademischen Bereich.

Nach diesem kleinen Exkurs möchte ich noch einmal auf die Themenwahl und Themenvielfalt zurückkommen und an dieser Stelle ein großes Plädoyer für scheinbar marginale, ökonomisch nicht unmittelbar „verwertbare“, aber durchaus brisante Forschungsgebiete und Fragestellungen halten. Eine Hinwendung zu Themen jenseits des Mainstreams erfordert einen selbständigen und kritischen Geist, den Mut zum kritischen Hinterfragen und Querdenken (im besten Sinne des Wortes), den wir in der Forschung wollen und auch brauchen. In manchen Fällen erweisen sich solche vermeintlich „randständigen“ Themen und Disziplinen später durchaus als „brauchbar“: So war es beispielsweise mit dem Fachgebiet der Sinologie, heute ein begehrtes und beruflich durchaus zukunftsträchtiges und lukratives Feld oder mit dem Studium der Arabistik und der Forschung über den Islam. Wurden diese Disziplinen früher abschätzig als „Orchideenfächer“ abqualifiziert und ihre Existenzberechtigung in Frage gestellt, so haben sie sich im letzten Jahrzehnt durch die derzeitige weltpolitische Situation als durchaus „nützlich“, ja unverzichtbar erwiesen und eine enorme Bedeutung erlangt.
All jene unter Ihnen, die sich einem vermeintlich „randständigen“ Bereich oder Thema zugewendet haben, möchte ich explizit ermuntern, sich nicht davon abbringen zu lassen, bleiben Sie dran! Damit will ich keiner Wissenschaft „l’art pour l’art“ das Wort reden, sondern im Gegenteil, die gesellschaftspolitische Relevanz von Wissenschaft betonen, ja geradezu einfordern. Meiner Meinung nach ist es Aufgabe der Wissenschaft, auch tabuisierte und unbequeme Fragen aufzuwerfen, Irritationen auszulösen und nicht bloß Affirmation und Bestätigung zu sein. Sie soll provozieren, sich aber nicht – wie es heute oft geschieht – mit einer überzogenen These, die letztendlich nicht haltbar ist, gänzlich dem Gesetz der „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ unterwerfen. Nicht „Schnellschüsse“, sondern systematische Analysen komplexer Sachverhalte und das Bemühen um differenzierte Antworten sind Aufgabe und Ziel einer gesellschaftspolitisch relevanten und kritischen Wissenschaft.

Wissenschaft in diesem Sinne braucht – das weiß ich aus eigener Erfahrung und das wissen vermutlich auch Sie – neben der nötigen Finanzierung vor allem: viel Zeit.
Und Wissenschafterinnen und Wissenschafter brauchen daher einen langen Atem, eine gewisse Hartnäckigkeit und Leidenschaft, vielleicht auch ein gewisses Maß an Leidensfähigkeit? Produktives und kreatives Arbeiten kann aber auch tiefe Befriedigung und Zufriedenheit bringen. So gehört es für mich zu den schönsten Erfahrungen, am Beginn einer (hoffentlich finanzierten) Arbeit zu stehen, Forschungsfragen zu entwickeln und schließlich all diesen Fragen systematisch nachzugehen, zu lesen, zu recherchieren und – wie es bei uns HistorikerInnen üblich ist – in die Quellen zu stürzen und dort vielleicht Neues zu finden, sodass sich das Wissen sukzessive vermehrt und die Zusammenhänge immer klarer zutage treten. Diese Phase erlebe ich – wie viele andere Forscher und Forscherinnen auch – meist weniger als Arbeit, sondern als „Luxus“, den eigenen Interessen selbstbestimmt und frei nachgehen zu können.
Klar, es gibt auch die Mühen der Ebene, das soll nicht verschwiegen werden. Dies beginnt bereits mit den unzähligen Stunden, Wochen und Monaten, in denen Forschungsanträge geschrieben, umgeschrieben und an immer neue normative Vorgaben adaptiert werden müssen, nicht nur unbezahlt, sondern auch oft vergeblich und ohne Erfolg. Auch der Schreibprozess am Ende einer Forschungsarbeit ist oft mühsam und von Zweifeln begleitet; im Unterschied zur sogenannten Antragsprosa aber letztendlich ein produktiver und kreativer Prozess, der im Laufe der Jahre durch die Routine etwas einfacher wird und – zumindest in meinem Fall – durchaus auch lustvolle Momente kennt. Vor allem steht am Ende der Mühen ein Werk: eine Diplom- oder Masterarbeit, eine Dissertation, ein Buch, auf das man stolz sein kann und das – im Idealfall – sogar mit einem Preis belohnt wird.

Heutzutage ist leider die Prekarität eine Begleiterscheinung von vielen in der Wissenschaft und Kunst tätigen Frauen und Männern. Dies gilt im besonderen Maße für die freie Wissenschaft und die freie Kunstszene, aber selbst an den Universitäten gibt es nicht mehr für alle unbefristete Stellen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen werden bedauerlicherweise zunehmend aufgelöst, „eingegliedert“ oder finanziell ausgehungert. Das heißt: die Berufsperspektiven sind in manchen Fachgebieten beschränkt, fixe Stellen für eine kontinuierliche wissenschaftliche Arbeit sind rar und geradlinige, bruchlose Karriereverläufe somit eher die Ausnahme als die Regel.
Ich spreche hier als jemand, die selbst bisher nur befristete Stellen und Projekte innehatte und kenne daher die daraus resultierenden Konsequenzen nur zu gut: mangelnde Karriereperspektiven trotz zunehmender Qualifikation, fehlende Planungssicherheit und ein hohes Maß an eingeforderter Flexibilität. Demgegenüber steht auf der Habenseite ein einigermaßen selbstbestimmtes Leben als Forscherin, abwechslungsreiche Themengebiete, interessante Forschungsaufenthalte im Ausland und nicht zuletzt eine relativ hohe Produktivität.
Ich glaube, alle jene, die heute in der Wissenschaft oder Kunst tätig sind, wissen um diese Situation und müssen selbst abwägen, ob dies ein Lebensmodell für sie sein kann oder nicht. Diejenigen, die sich dafür entscheiden, möchte ich auf jeden Fall bestärken, weiterzumachen, ihnen aber auch raten: Vermeiden Sie die drohende Gefahr der Selbstausbeutung, vergessen Sie nicht auf das, was man gemeinhin „Leben“ nennt: lesen, reisen oder wandern Sie, hören Sie Musik oder gehen Sie ins Kino, interessieren Sie sich für Politik und all das, was vor sich geht in der Welt und nehmen Sie sich Zeit für Ihre Familie und ihren Freundeskreis – was immer Ihnen wichtig ist.

Liebe Preisträgerinnen und Preisträger: Gerade angesichts der angesprochenen prekären Situation im Feld der Forschung und Kunst ist gesellschaftliche Anerkennung und Unterstützung, besonders auch in Form von finanzieller Förderung, sehr wichtig. Der Theodor-Körner Preis, zu dem ich Ihnen allen sehr herzlich gratuliere, ist eine solche Anerkennung. Verstehen Sie ihn als Ermutigung für Ihre Arbeit, als Vertrauensvorschuss und Bestätigung dafür, dass Sie am richtigen Wege sind. Ich wünsche Ihnen allen viel Zeit und viel Leidenschaft für Ihre weitere Arbeit, sei es nun in der Wissenschaft oder in der Kunst – ich wünsche Ihnen alles Gute und viel Erfolg!

 
Margit Reiter