Ausgezeichnete Arbeiten 2020

I. Wissenschaft

a) Geistes- und Kulturwissenschaften

EDTMAIER Bernadette

»Bilder über Juden und Jüdinnen unter Jugendlichen in Österreich«

Bernadette Edtmaier geht in ihrem Dissertationsprojekt der Frage nach, welche positiven, empathischen, negativen, neutralen oder vielschichtigen Bilder Jugendliche in Österreich von Juden und Jüdinnen haben. (Potentiell) antisemitische Aussagen werden nicht primär in Form einer (Prozent-)Zahl zum Ausdruck gebracht. Stattdessen werden die verschiedenen Ausprägungen als Antisemitismus-Spektrum begriffen, das von klar judenfeindlichen Äußerungen bis hin zu unsicheren Zustimmungen zu einzelnen antisemitischen Items reicht.

RÜTTEN Tim

»Von Mägden, Mächten und Moral – Formen und Fiktionen im Dienstmägdediskurs (1500 – 1810)«

Das Projekt untersucht mit einem kategorialen Ansatz, wie städtische Gesellschaften in der Frühen Neuzeit häuslich beschäftigte, weibliche Untergebene wahrgenommen und etikettiert haben. Vielfältige und unterschiedliche theologische, literarische oder juridische Bezugnahmen verdeutlichen ein Bedürfnis, speziell in die Beziehung zwischen Herrschaften und Mägden normativ einzugreifen. Dabei erweisen sich die Diskussionen über Mägde mit allgemeinen Definitionsversuchen über Weiblichkeit wie beispielsweise der Heiratsfähigkeit von Frauen verbunden.

ADELSBERGER Michael

Wiener Preis - gewidmet von der Kulturabteilung der Stadt Wien

»Wien und die Little Divergence. Reallohnentwicklung, Lohnzusammensetzung und –struktur (1527–1700)«

Die Arbeit erforscht die Wiener Wirtschaft des 16. und 17. Jahrhunderts über die Seite der Einkommensstruktur von Lohnempfänger*innen. Durch die Bildung von Reallöhnen (die Nominallöhne ausgedrückt in ihrer Kaufkraft), die in der internationalen Forschung für Vergleiche der ökonomischen Entwicklung herangezogen werden, wird auch ein Beitrag zu einer der großen Fragen der Wirtschaftsgeschichte geboten, jener nach den großen Divergenzen auf globaler wie auch europäischer Ebene.

b) Medizin, Naturwissenschaften und Technik

EBNER Sandra

»Mikrostruktur-Eigenschaftsbeziehung von Q&P Stählen der neuesten Generation von Advanced High Strength Steels«

„Quenching und Partitioning“ (Q&P) Stähle zählen zu einer Gruppe neuartiger höchstfester Stähle, sogenannter „Advanced High Strength Steels“, die speziell für den Einsatz in Automobilkarosserien entwickelt wurden, da sie durch ihr vielversprechendes Eigenschaftsprofil Gewichtseinsparungen bei gleichzeitig erhöhter Personensicherheit ermöglichen. Basierend auf verschiedenen Charakterisierungsmethoden der modernen Werkstoffforschung erfolgt in diesem Forschungsprojekt eine umfassende Untersuchung von Q&P Stählen, wodurch zu einem verbesserten Verständnis ihres inneren Aufbaus und der daraus resultierenden Eigenschaften beigetragen werden soll.

KRONISTER Stefan

»Bioorthogonale Chemie zur selektiven Prodrug-Aktivierung in Tumorzellen«

Für das therapeutische Ergebnis von Chemotherapien ist es essenziell, eine ausreichend hohe Konzentration von Chemotherapeutika in der Tumorzelle zu gewährleisten und gleichzeitig die Wirkstoffkonzentration in gesundem Gewebe möglichst gering zu halten, um Nebenwirkungen für den Patienten zu vermeiden. Ein vielversprechender Lösungsansatz dazu ist die zielgerichtete bioorthogonale Prodrug-Aktivierung in Tumorzellen, also die Aktivierung von Wirkstoffen, deren Toxizität vorübergehend maskiert und erst nachdem das gewünschte Ziel (Tumorzelle) erreicht ist, mittels bioorthogonaler Reaktion wiederhergestellt wird. Bioorthogonale Reaktionen können im Gegensatz zu normalen chemischen Reaktion innerhalb der molekular komplexen Umgebung von lebenden Organismen kontrolliert ablaufen, und dadurch eine treffsichere Prodrug-Aktivierung in der Tumorzelle ermöglichen.

MAIER Julian

»Mutationen des Organischen Kationen Transporters 3 sind assoziiert mit depressiven Störungen«

Dieses Projekt aus dem Bereich der pharmakologischen Grundlagenforschung liefert die Basis für die Entwicklung neuer Substanzen, die zur Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen eingesetzt werden können. Botenstoffe des zentralen Nervensystems, wie beispielsweise Serotonin und Dopamin, sind wesentlich für die Regulation unseres psychischen Erlebens und Empfindens. Diese werden von Transportern, u.a. dem Organischen Kationen Transporter 3 (OCT3), zu ihren zellulären Wirkorten und wieder zurück transportiert. Im Rahmen einer genetischen Analyse wurden funktionseinschränkende Mutationen dieses Transporters signifikant häufiger bei Menschen mit psychischer Erkrankung (die u.a. an Depression leiden) gefunden. Das Ziel der Forschungsarbeit ist es, diese Transportermutationen zu untersuchen, zu verstehen und ihre Funktion wiederherzustellen.

SCHLETTERER Martin

Klimaschutz-Preis - gewidmet vom Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie

»REFCOND_VOLGA: Ein Langzeit-Monitoring- und
Forschungsprogramm für nachhaltiges Gewässer-management«

Für große Flüsse des Europäischen Tieflandes ist die Definition eines Referenz-Zustandes sehr schwierig, da diese Gewässer von vielen verschiedenen anthropogenen Stressoren beeinflusst sind. Die Wolga entspringt auf 228 m und stellt somit bereits im Oberlauf einen typischen Tieflandfluss dar, an dem nach dem Motto „Reference condition missing? – Go East!“ bereits 2005 mit gewässerökologischen Analysen begonnen wurde. Im Rahmen der Dissertation von Martin Schletterer wurde der Grundstein für das Langzeitmonitoring-Programm REFCOND_VOLGA gelegt, welches Daten zu (a) Biodiversität und Lebensraumbedingungen in Tieflandgewässern und (b) Einfluss des Klimawandels erhebt und dadurch neue Erkenntnisse über die Funktionsabläufe in Tieflandgewässern liefert.

c) Rechtswissenschaften

SAGMEISTER Maria

»Elternschutzrechte im Lichte von Gleichheit und Autonomie. Wie das Recht zu einer gerechteren Verteilung unbezahlter Arbeit zwischen Männern und Frauen beitragen kann«

Maria Sagmeister beschäftigt sich in ihrer Dissertation aus rechtsphilosophischer und geschlechtertheoretischer Perspektive mit dem arbeitsrechtlichen Schutz von Eltern. Dabei steht die Frage im Vordergrund, wie das Recht selbstbestimmte Entscheidungen ermöglichen und materielle Gleichheit fördern kann. In der Arbeit wird für eine Väterquote bei der Elternkarenz sowie für verpflichtende Schutzzeiten für alle erwerbstätigen Eltern argumentiert, um eine gerechtere Verteilung von unbezahlter Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen zu unterstützen.

d) Sozial- und Wirtschaftswissenschaften

PAETZOLD Jörg

»Wenn Eltern plötzlich Pflegefälle werden: Karriere-Konsequenzen für Töchter und Söhne in Österreich«

Das vorliegende Forschungsprojekt untersucht inwiefern sich plötzlich auftretende, elterliche Pflegebedürftigkeit auf die Berufschancen und Karrieren der betroffenen Töchter und Söhne in Österreich auswirkt. Dabei werden qualitativ hochwertige Daten verwendet, welche es erlauben den Karrierepfad der betroffenen Kinder über einen langen Zeitraum sehr präzise zu folgen und zu messen. Abschließend wird gezeigt, inwiefern die Öffnung desArbeitsmarkts für ausländische Pflegekräfte zu einer Entlastung der in Angehörigenpflege engagierten Töchter und Söhne führte.

SCHORN Martina

»Handlungsstrategien für eine jugendorientierte Regionalentwicklung. Eine Analyse am Beispiel von durch Abwanderung betroffene ländliche Räume in Deutschland und Österreich«

Die Abwanderung junger Menschen stellt zahlreiche, meist ländlich geprägte, Regionen vor Herausforderungen. In dem Dissertationsprojekt werden die vielfältigen Strategien in vier ländlichen Regionen untersucht, mit denen der Verbleib bzw. die Rückkehr junger Menschen gefördert werden soll. Auf Grundlage eines auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierenden „Konzeptes einer jugendorientierten Regionalentwicklung“ wird kritisch beleuchtet, inwiefern diese Ansätze den Bedürfnissen mobiler, junger Zielgruppen entsprechen, und dargestellt, wie unterschiedliche Akteurinnen auf regionaler Ebene zusammenarbeiten, um diese Strategien zu implementieren.

II. Kunst

a) Bildende Kunst und Kunstfotografie

NITSCH Laura

»V I O L E T T«

Ausgehend von der nicht vorhandenen Repräsentation queerer / lesbischer und schwuler Sozialität in den Bildpolitiken des Roten Wien fragt die Künstlerin Laura Nitsch nach den gegenwärtigen Verhältnissen von sozialer Klasse und Queerness. Nitsch spekuliert in ihrem Filmvorhaben "Violett" über verborgene Geschichte(n), re-imaginiert marginalisierte Narrative, unterzieht den archivierten Bildbestand einem queer-reading und rückt dabei die Frage der Produktionsbedingungen von Bildern selbst ins Zentrum.

STRAUß Esther

»Marie Blum«

Wir erleben in Österreich in den letzten Jahren eine öffentliche Normalisierung von rechtem Gedankengut. Das macht die Auseinandersetzung mit den Wurzeln dieses Gedankenguts besonders wichtig. Aber selbst wenn es diesen Rechtsruck nicht geben würde: Die Nationalsozialist*innen, das waren unsere Großeltern, unsere Urgroßeltern. Diese Geschichte ist unsere Herkunft. Darunter kann man keinen Schlussstrich ziehen. "Niemals vergessen!" bedeutet auch neue Formen zu finden, wie man den Opfern der Nationalsozialist*innen heute gedenken kann.

TURALIĆ Vildan

»kuća / kući – Haus / nach Hause«

Seit 2019 wird unser unvollendetes Haus in Exjugoslawien mehrmals im Jahr zur Projektions/ Reflexionsfläche unserer Migration und den damit verbundenen Orten. Viele der kurz vor den Balkankriegen errichteten Häuser jener und anderer Siedlungen der Region wirken aufgrund ihrer Ziegelästhetik wie ewige Neubauten, manche wie Ruinen. Es sind Denkmäler individueller Familiengeschichten im Kontext kollektiver Umbrüche.

b) Literatur

KRÖLL Norbert

»Die Dings, die Dings, die Contenance«

stellt einen Auszug aus dem Romanprojekt „Regina“ dar, an dem ich gerade arbeite; er ist Teil einer fiktiven Ausstellung, die die Hauptprotagonistin kuratiert. Dabei verliert ein Mann durch einen Drohnenangriff die Sprache und kämpft um Sichtbarkeit. Diese Tatsache muss ausgestellt werden, findet Regina, sie muss nach außen getragen werden, in die Öffentlichkeit, koste es, was es wolle, denn hier gehe es um die Sprache selbst, und mit der Sprache gehe es um alles, ums Leben, um die Frage, was es bedeutet, Mensch zu sein, um die Freiheit der Kunst.

SCHMUTZER Lukas

»Verlorene Bildungsmüh'n«

Schreibend sucht der zwischen Wien und der Raxgegend pendelnde Stephan Stein Wege zwischen seinen Verlusterfahrungen und seinen Hoffnungen. Anstatt sich eigener Kompetenzen zu versichern, erkundet der Roman im Formenspiel mit erlebter Ohnmacht, ob so etwas wie Entwicklung oder Bildung möglich ist. Dazu exponiert seine Montagetechnik ein wildes, sich fortwährend wandelndes Erzählen und bricht dieses gegen sich selbst.

c) Musik und Komposition

BAJDE Aleksandra

»Self-Portraits in Imaginary Places«

Ist ein szenisches Musikwerk für 8 MusikerInnen, Tänzerin, Elektronik und Licht. In diesem Werk möchte ich Orte darstellen wobei ein Ort kein materieller, geografischer Ort sein muss – es kann auch ein metaphysischer Ort sein, mit dem Bedeutungen, Gefühle, Träume und bestimmte symbolische Werte verbunden sind. Die imaginären Orte – das heißt eine Reihe unterschiedlicher und kontrastierender Szenen – werden durch viele unterschiedliche Formen des Zusammenspiels verschiedener Medien geschaffen.